Zillertal, Juni - Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 21/6

Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 21/6

Mit dieser Entwicklung von einem rein handwerklichen oder auch im Haushalt genutzten Gerät hin zu einem Symbol ohne jegliche Alltagstauglichkeit, wird gleichzeitig der Schritt zu einer kultischen Abstraktion vollzogen, die damit eine dogmatische Grenze zwischen der untergebenen Bevölkerung und der herrschenden Klasse der Priesterschaft widerspiegelt. Zudem wurde damit besonders im Alpenraum auch das moralische und im Sinne einer ethnischen Normenbildung auch strukturelle Primat der religiösen Eliten in den entscheidenden Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders gegenüber den politischen und administrativen Eliten definiert. Die sich damit herausbildende Überschneidung führte letztendlich zu einer symbiotischen Herrschaftsform, die sowohl den religiösen Führungsgremien als auch den weltlichen Anführern wechselseitig zum Nutzen gereichte und als omnipräsentes Beherrschungsinstrument den Alltag der Untertanen bis in die privaten Bereiche ihres Lebens regelte. So war und ist es im Raum Nordtirol selbst heute noch vollkommen normal, dass Fragen des Zusammenlebens, der Partnerschaft und der familiären Gestaltung unter die normative Wirkung religiöser Tabus fallen, obgleich die weltliche Gesetzgebung am Papier durchaus den europäischen Normen einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft zu entsprechen scheinen. Dieses Verhalten ist einzig über eine durch viele Jahrhunderte geprägte Verinnerlichung dieser generellen Abhängigkeit erklärbar und erfährt seinen Kontrapunkt in den teilweise beinahe orgastisch anmutenden Volksfesten und in der Prolongation von Gebräuchen, die letzte Reste von alten Fruchtbarkeitskulten und vorchristlichen Riten aufweisen, wie zum Beispiel die Fastnachtsbräuche in Imst oder das bereits beschriebene „Gauderfest“ im Zillertal. Diesen Festivitäten und Gebräuchen gemein ist die in diesen Abläufen strikt geregelte und ausgeführte Katharsis, die es den Untertanen ermöglicht ihre Abhängigkeit und systemische Ausgeliefertheit in schauspielartigen Darbietungen als sinnerfüllte und einzig richtige Form der soziokulturellen Lebensmöglichkeit zu verifizieren. Dies zeigt sich deutlich in den oft theatralischen und stereotypen Darstellungen von vermeintlich abzulehnenden Lebensformen, in denen Männer sich in Frauenkleidern zeigen, oder mittels martialisch anmutender Kampfspiele sich als überlegen und auserwählt präsentieren.

Selbst bei der Christianisierung des Alpenraums wurde dabei immer wieder mehr oder weniger deutlich erkennbar auf vorhandene kultische Bräuche, Traditionen und auch Symbole zurückgegriffen. Die protestantische Theologin Magdalena von Hansenberg hat im Rahmen ihrer Forschungsarbeit „Die Christliche Symbolik im Alpenraum“ (Edition Religion und Forschung, Wittenberg, Deutschland, 1993) aufgezeigt, dass die rein symbolhafte Darstellung des Kreuzes unter Verzicht der Anbringung eines Corpus in seinen skulpturellen Wurzeln auf den Raum Nordtirol zurückgeht. Dies erscheint umso mehr bemerkenswert, da gerade in den häuslichen Schreinen der Hausgötter und in den Darstellungen von Kapellen und Kirchen überwiegend Kruzifixe mit der aufgenagelten Darstellung des gekreuzigten Jesus vorzufinden sind, wobei diese Darstellungen meist eine ästhetisierende Körpersprache aufweisen, die lediglich in ihrer Gesamtheit auf den Akt der Folterung in verklärender Form hinweisen, im Erscheinungsbild jedoch eine überhöhte und vergöttlichende Wirkung erzielen.

cult_object_zeichnung_rueckansicht, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologieDie Cultobjecte des Imminger Triptychons sind somit die Grundform der corpuslosen Darstellung des christlichen Kreuzes als Skulptur und wurden im Zuge der Christianisierung des Alpenraums bewusst assimiliert und in die christliche Symbolik derart einbezogen, dass diese Darstellungsform mittlerweile weltweit als Markenzeichen, als Logo für das Christentum an und für sich steht. Dass in der grafischen Umsetzung der Marke „Christentum“, neben dem ursprünglich verwendeten Zeichen eines symbolisierten Fisches bereits wesentlich früher das aus zwei Strichen bestehende eingeritzte oder gezeichnete Kreuz verwendet wurde, entspricht der generellen Notwendigkeit nach Vereinfachung und Erkennbarkeit im Sinne einer plakativ und generell einsetzbaren, sowie unverwechselbaren Gesamtidentifikation und dient somit einerseits der gemeinschaftlichen Charakterisierung als Gruppe und andererseits der Abgrenzung nach aussen.

Diese Übernahme der ursprünglichen und vorchristlichen Traditionen und Symboliken zeigt sich im Christentum nicht nur beim corpuslosen Kreuz, sondern darüber hinaus auch in der cannibalistisch determinierten Form der Umwandlung von Fleisch und Blut in Brot und Wein. Hierbei wird dem Foltertod in Gestalt von Jesus von Nazareth als gemeinsames Mahl gedacht, wobei im katholischen Ritus lediglich die rein männliche Priesterschaft den „Bluttrunk“ in Form eines mit Wasser verdünnten Weissweines zu sich nimmt, während die Nichtpriesterschaft mit einem Gebäckstück in Form einer kreisrunden Oblate abgespeist wird. Lediglich bei der rituellen Feier einer Vermählung, wird auch der „Bluttrunk“ dem Brautpaar angeboten. Inwieweit hier einmal mehr dem Einsatz von alkoholischem Wein, als dem kulturspezifischen Rauschmittel des Okzidents schlechthin eine besondere Bedeutung zukommt, und hier wieder besonders die optisch verharmlosende und in ihrer Farbgebung die humane Körperlosigkeit widerspiegelnde Verwendung von Weisswein als Blutersatz, stellt eine Frage der Religionshistorik dar, die im Rahmen dieser arteologischen Forschung lediglich im Bereich der artifiziellen Nutzung seinen Niederschlag finden kann.

cult_object_foto_imminger_triptychon, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologieAuch die Bedeutung der triptychonalen Anordnung von Cultobjecten, wie sie auch in der Kreuzigungsdarstellung des Christentums häufig zu finden ist, kann hier nur in Ansätzen und als chronologische Entwicklung bewertet werden.