Zillertal, Juni - Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 22/5

Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 22/5

Die röntgenologischen Untersuchungen ergaben, dass es keinerlei skelettale Verletzungen, weder zu Lebzeiten noch post mortem gab. Selbst die Entnahme der inneren Organe im Zuge der Mumifizierung erfolgte ohne irgendwelche Beschädigungen der Knochenstruktur, wobei hier die Untersuchung im MRT-Verfahren belegt, dass die sowohl die Entnahme der inneren Organe, als auch des Gehirns per rectum erfolgte; einer bisher im Alpenraum nicht nachweisbaren Methode. Die dabei ausgewiesene Professionalität bezeugt den hohen Stand der anatomischen und auch pathologischen Fähigkeiten der damaligen Mumifizierungsexperten und legt die noch zu prüfende Schlussfolgerung nahe, dass mit dem transitalen biologischen Austausch nicht nur eine genetische Vermischung mit Erbgut aus dem maghrebinisch-palästinensischen Raum erfolgte, sondern dass epochengleich gleichzeitig auch eine assimilative Übernahme verschiedenster Techniken und Fähigkeiten erfolgte, wie etwa die beim Imminger Triptychon angewandte damaszenische Klingentechnik, oder die Mumifizierungstechnik mittels rectaler Organentnahme bei der Imminger Kleinkindmumie „Zilli“. Inwieweit hier nicht lokal beheimatete Experten ihr Können und Wissen einbrachten, oder aber indigene Fachkräfte, die ihr Handwerk durch Übernahme und Nachahmung erlernt haben, zum Einsatz kamen, kann zur Zeit nicht abschliessend bewertet werden. Gleichwohl aber deutet die hohe Qualität der Mumifizierung – die durchaus vergleichbar ist mit Funden aus der prädynastischen Zeit Ägyptens (ca. 4000 – 3032 v. Chr.) – sehr klar auf einen transitalen Wissenstransfer hin, da weder die erforderlichen Techniken noch die Kenntnisse um die dabei erforderlichen Materialien und Rohstoffe in dieser Weise im Raum Nordtirol originär entwickelt und/oder vorhanden waren.

Die Dehydrierung des weiblichen Kleinkindleichnams erfolgte mittels Einreibungen von Potasche, die mit einem 5 %igen Anteil Basaltstaub vermischt wurde. Spuren davon wurden sowohl unter einzelnen Finger- als auch Zehennägeln nachgewiesen. Mit einer langen, hackenförmigen Nadel wurden die inneren Organe entnommen und über einen Durchstoss am Gaumen die Entnahme des Gehirns durchgeführt. Der dafür nötige Entnahmekanal liegt in der genauen Verlängerung der Speiseröhre und ermöglichte auf diese Weise den Verzicht auf eine Bohrung am Hinterhauptbein (Os occipitale), bzw. an der Schädelbasis (Pars basilaris). Dass hierbei die in Ägypten übliche Entnahmetechnik über die Nase nicht zur Anwendung kommen musste, ergibt sich einzig aus der körperlichen Kleinkindhaftigkeit des Mumifizierungsobjekts. Durch diese bisher einzigartige Vorgangsweise blieb der gesamte Schädelbereich in seiner physiognomischen Ausgestaltung komplett unversehrt.

humanoider_fund_fundprotokollzeichnung_detail_kopf, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologieDie Breite des Kopfes misst, gemessen an der Aussenkante der Jochbeine (Os zygomaticum), 94,90 mm, die gesamte Kopflänge beträgt 110,30 mm. Die beiden Ohrmuscheln messen rechts 38,15 mm und links 36,97 mm. Der geöffnete Mund weist von den Mundwinkeln aus gemessen eine Breite von 38,00 mm auf. Der Abstand zwischen den Augen beträgt 30,05 mm. Das linke Auge mit 19,96 mm ist um 0,11 mm breiter als das rechte, mit einem Querduchmesser von 19,85 mm. Der Abstand des Augenquerschnitts zur Scheitelpunktlinie beträgt 51,05 mm.

Diese anatomischen Abmessungen entsprechen der insgesamten Lebensaltersangabe von minimal drei bis maximal sieben Monaten.

Nach der erforderlichen Dehydrierung des gesamten Körpers erfolgte die weitere Mumifizierung anhand von zahlreichen Einreibungen mit einem wechselnden Gemenge aus verschiedenen Harzen, die allesamt sowohl antiseptische als auch fungistatische Wirkungen vereinen.

Der gesamte Mumifizierungsprozess erfolgte über mehrere Wochen, wobei erst in den letzten Abschnitten die entsprechenden Umwicklungen mit linnen Streifengeweben durchgeführt wurden. Die als aussergewöhnlich zu wertende Freilassung von ungeschützten Körperteilen war einzig aufgrund der vorsorglichen Lagerung in feinem Basaltsand möglich, wobei hier wiederum auf eine vollkommen trockene und vom gewachsenen Felsboden abgeschirmte Endruhestätte geachtet wurde.

Mit der Beisetzung der kindlichen Mumie der „Zilli“, beschränkte sich die kultische Tradition einzig auf den hermetisch abgeschlossenen Bereich der Grabesnische und erfuhr ihren Fortbestand ausschliesslich im nachfolgenden Narrativ der kultischen Eliten. Dies lässt sich noch heute in alten oral überlieferten und lokal begrenzten Mären und Sagen von Kindsweglegungen und/oder Kindsrauben nachweisen.