Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Zillertal“

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Zillertal“

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Zillertal“, Team „Zillertal“; Bearbeitungsstatus: April 2014.

1.Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:

Die Funde der Grabungsstelle „Zillertal“ lassen sich in vier Kategorien einteilen:

  1. keramoide Funde
  2. metallene Miniaturen und Werkzeuge
  3. besiedelungsrelevante infrastrukturelle und architektonische Fragmente, und:
  4. ein humanoider Fund

ad 1) Die Grabungsstelle „Zillertal“ ist im Gegensatz zu den bisherigen acht arteologischen Grabungsstellen im Raum Nordtirol durch eine kleinräumige Inhomogenität des Fundgebietes geprägt, die einerseits auf die topografischen Besonderheiten des natürlichen Verlaufes des Flusses Ziller und andererseits aber auch auf die erfolgte Verbauung dieses Flussabschnittes zurückzuführen ist. Die dadurch notwendige Ausdehnung des untersuchten Geländeabschnittes richtete sich dabei entlang des rechten Flussufers nach dem seinerzeitigen natürlichen und immer wieder mäandernden Verlauf, und am linken Flussufer nach der mit freiem Auge nur unklar erkennbaren Geländekante, die gegenwärtig auch der Trassierung der talauswärtsführenden Hochspannungsleitung dient.

 

Das zentrale Element der Grabungsstelle bildet dabei die gut bis sehr gut erhaltene Furtstelle („Imminger Furt“) die hierbei als zentrale Übergangsstelle für den talauswärts gelegenen Schnittpunkt der historischen Handelswege des Inntals mit den inneralpinen Gebirgsübergängen nach Süden (Tuxer Joch), nach Südosten (Gerlospass) und nach Osten (Reither Kogel) von hoher infrastruktureller Bedeutung war.

Dies zeigt sich auch in den vorgefundenen Gebäudefundamenten die direkt nördlich an die rechtsufrige Furtpassage anschliessen, die auf Grund ihrer Ausmasse und formalen, sowie materialtechnischen Umsetzung, sowohl den ökonomischen als auch repräsentativen Anspruch der Furtbetreiber widerspiegeln.

Gleichwohl sind die keramoiden Funde sowohl im Bereich der Gebäudefundamente, als auch am gepflasterten Vorplatz, sowie entlang der freigelegten Wegtrassenabschnitte, insbesonders im Vergleich zu anderen Fundstellen im Raum Nordtirol (vgl. u.a. Grabungsstelle „Lechtal“) spärlich und beschränken sich ausnahmslos auf fragmentarische Reste von Alltagsgegenständen die dem täglichen Bedarf der Reisenden sowie der eingeborenen Bevölkerung vor Ort entsprachen. So wurden keinerlei typische rituelle Gefässe – auch nicht im Inneren der Gebäudestrukturen – oder auch funktionsentsprechende Ansammlungen von Geschirren und/oder Koch­utensilien vorgefunden. Dieses Fehlen derartiger, den Alltag bewältigender Artefakte deutet klar und deutlich auf eine geplante und geordnete Auflassung dieser Furtstelle hin – zumindest im Hinblick auf die verwaltungsökonomische und lokal strategische Bedeutung dieses infrastrukturellen Verkehrsknotenpunkts. Inwieweit hier naturbedingte Veränderungen des Flusslaufes, oder aber regulative, bauliche Eingriffe seitens der Betreiber den endgültigen Beschluss der Auflassung evozierten kann zurzeit nicht abschliessend bewertet werden.

 

Die vorgefundenen keramoiden Reste stellen per se ein Sammelsurium aus einfacher, indigener Töpferware bis hin zu fein gearbeiteten, dünnwandigen Keramiken dar, wie sie zu jener Zeit typisch für den mediterranen Raum anzusehen sind. Es lässt sich somit für den Raum Zillertal kein Rückschluss auf eine eventuelle eigenständige, handwerkliche Entwicklung im Bereich der Töpferkunst ziehen, vielmehr ist auf Grund der wenigen indigenen Scherbenfunde davon auszugehen, dass lediglich Gebrauchskeramik in funktioneller Absicht hergestellt wurde, ohne jeden Anspruch auf stilistische Feinheiten und/oder ornamentale Ausschmückung. Die vorgefundenen Ritzmuster an einzelnen Scherben aus einheimischer Produktion lassen auf handwerkliche Routinen ohne jeglichen gestalterischen Anspruch schliessen, wobei der Vergleich mit wesentlich älteren Keramiken aus dem Raum Triest deutlich zeigt, dass selbst diese Grundformen einer ornamentalen Gestaltung keine originäre Entwicklung darstellen, sondern eindeutig transitalen Ursprungs sind und entsprechen somit der generellen Bereitschaft, den eigenen Mangel an Innovation und intellektueller Auseinandersetzung durch assimilatives Verhalten zu kompensieren, und in weiterer Folge über ritualisierte Traditionsmuster als Ausformung einer normativen Eigenleistung im soziokulturellen Gefüge zu stilisieren.

ad 2) Die bei der Grabung „Zillertal“ vorgefundenen metallenen Miniaturen (= Cult-objecte) und Werkzeuge (ausschliesslich metallene Gebrauchsgegenstände) sind in zwei voneinander gegensätzliche Gestaltungsgruppen einzuteilen. Bei den Werkzeugen und werkzeugähnlichen Gebrauchsgegenständen handelt es sich einerseits um Artefakte die im häuslichen Umfeld der familiären Versorgung ihre Verwendung fanden, wie z.B. Messerklingen, Kochspiesse und Halterungen für Gerätschaften, die in ihrer Ausführung eine rein funktionelle Gestaltung ohne jeglichen Anspruch auf ornamentale Ästhetisierung aufweisen und andererseits um landwirtschaftliche, bzw. der Zugtierhaltung und dem Transport zugehörende Teile, wie etwa Ringe für Zaumzeug, Klemmen für Spannseile und Halterungen für Transportgut. Der überwiegende Teil dieser Funde besteht aus Bronze deren Kupferanteil aus dem Grossraum Schwaz und den dortigen Erzgruben entstammt, während die wenigen Fundstücke aus Eisen ihrer mineralogischen Herkunft nach dem nordgriechisch-albanischen Raum zuzuordnen sind und somit die merkantilen Verbindungen, respektive die innereuropäische Nutzung der Alpentransversalen im Raum Zillertal belegen. Das Fehlen originärer stilistischer Gestaltungselemente und der Mangel an eigenständiger Formensprache bei sämtlichen Funden aus Bronze deuten auf eine rein zweckbetonte Ausarbeitung dieser Gegenstände hin, wobei hier, wie bereits bei der Grabung im Stubaital nachgewiesen, durchaus von einem gewissen technischen Verständnis ausgegangen werden kann, welches sich vor allem in spezifischen Details für eine bessere Verwendbarkeit, in rudimentären Ansätzen niedergeschlagen hat. Die dabei zugrunde liegenden Basisformen sind aus entsprechenden Funden im gesamten Mittelmeerraum bis hin zu frühbabylonischen Fundungen bekannt und belegen die transistal bedingte Übernahme von Entwicklungen und Techniken, die ihren originären Ursprung ausserhalb des Raumes Nordtirol hatten. Im gesamten Grabungsgebiet „Zillertal“ wurden keinerlei Hinweise auf gewaltsame Okkupationen im besagten Zeitraum festgestellt. Der gesamte Alpenraum war bis zu Zeit der römischen Besetzung wirtschaftlich gesehen ohne grössere Bedeutung, lediglich die strategisch wichtigen Handelsrouten mit ihren Alpentransversalen stellten einen überregionalen Nutzwert dar, der durch merkantile Übereinkünfte und/oder politisches Kalkül, im Sinne einer Weg- und Trassenerhaltung durch die indigene Bevölkerung gewährleistet werden konnte. Sowohl für die nördlich als auch südlich des Alpenhauptkammes ansässigen Völker genügte meist die Androhung von wirtschaftlichen und/oder militärischen Sanktionen, um die eingeborenen Bevölkerung Tirols in die Grenzen ihres lokalen Habitats nachhaltig zu verweisen und eventuell darüber hinausgehende Ansprüche bereits im Keim zunichte zu machen. Dies zeigt sich auch deutlich daran, dass erst im 12.Jahrhundert erste Ansätze eines gemeinschaftlich definierten Gebietes entstanden, welches mit immer wieder wechselnden Herrschaften und Zuordnungen erst im 20. Jahrhundert in seinen heutigen Grenzen ausgebildet wurde. Bis dahin blieb eine generelle Kleinstrukturiertheit vorherrschend, die sich sowohl sprachlich (bajuwarsiche, allemanische und romanische Dialekte) als auch rechtlich (unterschiedliche bäuerliche Erbrechte) niedergeschlagen hat. Selbst das heutige Eigenverständnis der nordtiroler Bevölkerung als „stolzes Volk in den Alpen“ entbehrt nicht nur etymologisch gesehen jeglicher Substanz, sondern kaschiert gleichzeitig auch das oftmals naiv erscheinende Bestreben der Tiroler Bevölkerung nach eigenständiger Authentizität.

Die drei Cult-objecte des „Imminger Triptychons“, deren Radiocarbondatierung die Entstehung dieser Cult-objecte am Schnittpunkt zwischen der Arteologischen Zeitepoche und der Hocharteologischen Zeitepoche fixiert, stellen (vermutlich) zugekaufte handwerkliche Fremdleistungen aus dem Raum des heutigen Mittleren Ostens dar, da zu dieser Zeit eine derartige Bearbeitungstechnik nahezu ausschliesslich von Meistern der damaszener Werkstätten durchgeführt werden konnte. Die Wertigkeit dieser Arbeiten erschliesst sich aus dem Führungsprimat der rituellen Eliten, da derartige Aufwendungen, sowohl in ästhetischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht, einen hoheitlichen Anspruch über das Gemeinvermögen bedingen, – insbesondere im Hinblick auf den Fund der Mädchenmumie „Zilli“ – die als Zielsetzung die Manifestierung und Festigung des hierarchischen Aufbaus der lokalen Gemeinschaft ausweist, und dergestalt jene Symbolhoheit präsentiert, die in weiterer Folge die überwiegend bedingungslose Folgschaft der untergebenen Gemeinbevölkerung absichert. Diese Ausformung einer rituellen Herrschaft zeigt sich auch noch heute sehr eindrucksvoll, da selbst in den abgelegendsten Gehöftgruppen in den engsten Seitentälern Nordtirols ein, meist reich geschmückter, Sakralbau steht, der als bewusster Kontrapunkt zur ansonsten überwiegend ärmlichen Umgebungsbehausung steht.

Der Ansatz durch überdimensionierte und reich verzierte Präsentationsbauten die absolute Legitimität der rituellen und politischen Eliten zu demonstrieren, verweist auf jene tradierte und meist unhinterfragte Demutshaltung die auch heute noch das Alltagsleben der nordtiroler Bevölkerung in vielen Teilen charakterisiert.

Mit dem „Imminger Triptychon“ wurde gestalterisch und formal der Prozess einer funktionell begründeten rituellen Handlung zu einer rein symbolhaften Metapher, im Sinne einer spirituellen Deutungsautarkie vollzogen: nunmehr bedingte nicht mehr eine aus und im Alltagsleben verifizierbare Nutzung die generelle und spezifische Wertigkeit des Cult-objects, sondern vielmehr oblag ab diesem Gestaltungsschritt einer bewussten Abstraktion, die Interpretationshoheit ausschliesslich im Machtbereich der rituellen Eliten, die sich damit vom gesellschaftlichen Gesamtgefüge einer gemeinsamen Lebenswelt emanzipierten und ihren eigenständigen und unantastbaren Hoheitsbereich schufen, der jederzeit durch eine Berufung auf „höhere Mächte“ autorisiert werden konnte.

Dass sich hier in weiterer Folge das Christentum dieser vorgegebenen Strukturen bediente, entspricht den üblichen usurpatorischen Gepflogenheiten, wie sie in nahezu allen Kulturen nachweisbar sind: die neuen Herrscher assimilieren entweder durch Zwang und/oder einer offenen oder versteckten Neuinterpretation vorgefundener Symbole die tradierten Sitten und Gebräuche derart, bis sie von der jeweiligen Bevölkerung als eigenständig entwickelte und als elitär empfundene rituelle Handlungen kritiklos übernommen werden. Reste alter Traditionen und kultischer Handlungen überdauern dabei oftmals in Form anachronistischer Form, wie z. B. in Nordtirol die sogenannten „Raunächte“ um die Zeit des christlichen Weihnachtsfestes.

Die Fundungen sämtlicher Cult-objecte im Raum Nordtirol weisen in eindrucksvoller Weise den Weg vom Trankopfer zum christlichen Symbol des Kreuzes auf, und zeigen, dass uralte mythologische Strukturen im Wandel der Zeit ihre Dauerhaftigkeit bis in unsere heutige Zeit, jenseits der jeweiligen kultischen Deutungen, manifestieren.

ad 3) Bei den im Grabungsgebiet „Zillertal“ freigelegten besiedelungs­relevanten infrastrukturellen und architektonischen Fundungen handelt es sich

  1. um Trassierungen der entsprechenden Wegzuläufe zur und von der „Imminger Furt“, die am rechten Ufer im Wesentlichen dem natürlichen Verlauf des Flusses folgen und am linken Ufer entlang der natürlichen Felsenkante in Richtung Nordwesten angelegt sind. Der rechtsufrige Wegabschnitt war lediglich im Einfahrtsbereich der Furt pflasterartig mit flachen Findlingssteinen, auf eine Länge von ca. 30 m, ausgelegt, die jedoch oberflächenwasserdurchlässig und frostsicher auf einem aufgeschüttetem Bett aus Kieseln, die dem Uferbereich des Zillers entstammen, verlegt wurden. Der weitere Wegverlauf dieses alten Handelspfades bestand taleinwärts überwiegend aus einer unbefestigten Trasse, die an neuralgischen Punkten durch Auf­schotterungen oder mittels Querverlegung von Rundhölzern in ortsüblicher Manier gewartet wurde.
  2. Die Furtstelle selbst stellt mit ihrer aus dem gewachsenen Felsen herausgearbeiteten Uferrampe eine bautechnische Leistung der Hocharteologischen Epoche dar, wie sie bisher im Raum Nordtirol noch nirgendwo vorgefunden wurde. Sowohl die Bearbeitung als solche, als auch die funktionelle Gesamtgestaltung zeugen von der plagiativen Bereitschaft der eingeborenen Bevölkerung und ihrer leitenden Eliten, Techniken und Gestaltungen zumindest in ihren einfachen Grundformen zu übernehmen, um daraus jenen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen, der aus einer erleichterten und risikoärmeren Überquerung des Flusses zu erzielen ist. In welcher Form dabei eine Gegenleistung (Tauschgeschäfte?) eingehoben wurde, kann zurzeit nicht beurteilt werden. Insgesamt entspricht diese frühe Entwicklungsstufe eines Wegzolls dem merkantilen Charakter der eingeborenen Bevölkerung, der weiterführend in der konsequenten Umdeutung des Begriffs der Gastfreundschaft in den rein ökonomisch definierten Terminus „Fremdenverkehr“ seine heutige Ausgestaltung erfährt.
  3. Die freigelegten Gebäudefundamente am linken Zillerufer bestehen aus vereinzelten Fundamentresten, die nach derzeitigem Wissenstand nicht eindeutig in die späte Arteologische Epoche in die Hocharteologische Epoche eingeordnet werden können.

Der aus drei Gebäuden bestehende Komplex am Nordbereich des Hügels der rechtsufrigen Furtpassage weist die epochentypische Fundamentierung mittels unbehauener und teilweise behauener Natursteine auf. Die vorgefundenen Balkanaufnahmestellen an diesen basalen Grundlinien belegen die weitere Bauausführung in Holz und entsprechen somit der architektonischen Grundcharakteristik im betreffenden Zeitrahmen. Gleichwohl konnten im gesamten Grabungsbereich keinerlei hölzerne Überreste dieser Gebäude gefunden werden. Eine Abtragung durch Brand ist mangels nachweisbarer Spuren auszuschliessen. Der Vorplatz dieses Gebäudekomplexes wurde teilweise aus dem natürlichen Felsgestein herausgearbeitet bzw. aufgeschüttet und mit Natursteinen gepflastert und erstreckt sich bis zum angehenden Böschungsbereich der rechtsuferigen Furtpassage. Auf Grund der strategischen Bedeutung der Furtstelle für die Handelswege zum und vom Inntal ist somit von einer administrativen, zeittypischen Kontroll- und Wartungsstation auszugehen, die gleichzeitig, belegt durch die Funde der Cult-objecte und durch den humanoiden Fund der Mädchenmumie „Zilli“, zumindest von lokaler kultischer Bedeutung war (vgl. dazu die noch heute übliche Tradition in Nordtirol, Brücken, Übergänge und Wegkreuzungen durch rituelle Symbole dem Schutz „höherer Mächte“ anzuvertrauen), und damit sowohl den rituellen als auch soziokulturellen Hoheitsanspruch der kultischen Eliten gegenüber jedweder rein politischen Führung nachhaltig postulierte. Dieses Primat des Kultischen findet in Nordtirol bis heute noch mancherorts seinen Niederschlag, in einer als undemokratisch zu bezeichnenden Vermengung aus wirtschaftlichen und religiös verbrämten Interessensgemeinschaften, die merkantile Umsetzungen vor das Allgemeinwohl stellen.

 

  1. Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Zillertal“:

"zilli", maedchenmumie, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologieBei der dunkelhäutigen Kleinkindmumie eines Mädchenkörpers handelt es sich um den ersten Fund einer post mortem zur Gänze artifiziell konservierten Person, die im gesamten Alpenraum vorgefunden wurde. Bei den bisherigen acht arteologischen Ausgrabungen im Raum Nordtirol wurden lediglich obere Gliedmassen in verschiedenen Abschnittsbereichen – vom einzelnen Finger bis zum gesamten Unterarm – vorgefunden, wobei es jedoch bei keiner einzigen dieser Fundungen zu einer nachträglichen Abtrennung von einem grösseren Ganzen gekommen ist. Vielmehr stellt jede dieser Fundungen eine in sich geschlossene kultische Reliquie dar, die, vergleichbar mit diversen anderen religiösen Lehren, die aus konservierten und/oder konservierbaren Körperteilen von zu Lebzeiten bereits gewürdigten oder für „heilig“ gehaltenen Personen, Objekte der Anbetung und gebetshaften Anrufung schufen, denen dann meist in weiterer Folge bestimmte wundertätige Kräfte zuerkannt wurden. Dr. Elsbeth von Margarethen vergleicht in ihrem Werk „Vom Talisman zum Tabernakel – Kulturhistorische Studien zur rituellen Symbolik“ (Dawkinsche Verlagsanstalt, Frankfurt, Deutschland, 2009) unter anderem die verschiedenen Totenkulte historischer Epochen und weist nach, dass insbesondere der Versuch über den Tod hinaus die Vergänglichkeit des Körpers hintanzuhalten proportional mit der jeweilig religiösen Doktrin einer Vorstellung von einem Leben nach dem Tode so lange einhergeht, bis eine abstrahierte Symbolik das Sterben als solches zu einem Übergang in eine neue und bessere Lebensform postuliert. Ein Schnittpunkt dieses intellektuellen Werdegangs zeigt sich bei der Ausgrabung „Zillertal“ in aller Deutlichkeit: zum Einen in der erstmalig im Alpenraum vorgefundenen reinen Abstraktion der drei Cult-objecte des „Imminger Triptychons“ und zum Anderen in der epochengleichen Mumifizierung des Mädchens „Zilli“, die gleichzeitig die qualitative Höchststufe der Mumifizierungstechnik im Alpenraum darstellt. Anhand der religiösen Artefakte des Christentums, die in jeder Kirche im Raum Nordtirol, in Form von Figuren, Statuen und der Darstellung des am Kreuz verstorbenen Jesus von Nazareth, vorzufinden sind, kann die logische Weiterentwicklung des ursprünglichen Wunsches nach Erhalt der Körperlichkeit, hin zu einer reinen artifiziellen und meist auch ästhetisierenden Gestaltung, schlüssig nachvollzogen werden.

Die bisherigen interdisziplinären Forschungsergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Die Mumie des humanoiden Fundes im Grabungsgebiet „Zillertal“ besteht aus dem äusserlich unverletzten Körper eines Mädchens, das im Alter zwischen drei und maximal sieben Monaten eines natürlichen Todes verstorben ist. Die Untersuchungen der Anthropologin Marga Sudanavesi und von Dr. Norbert Inseni belegen die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Todesursache durch sudden infant death syndrom (SIDS) eingetreten ist, da keinerlei Hinweise auf organisch bedingte Schäden oder Krankheiten vorgefunden wurden.
  2. Sämtliche Analysen des organischen Materials bestätigen die zweifelsfreie Zugehörigkeit der „Zilli“ (so der populärwissenschaftliche Name dieser Fundung) zur spezifischen indigenen Bevölkerung im entsprechenden Epochenzeitraum. Die biogenetische Vermengung von maghrebinisch-palästinensischem Erbmaterial mit der eingeborenen Bevölkerung belegt die transitalen Beeinflussungen und oktroyierenden Assimilations­tendenzen, die insgesamt als typisch für die Gesamtgenese der Bevölkerung im Raum Nordtirol
  3. Die anatomischen Merkmale indes entsprechen ausnahmslos dem indogermanischen Typus, während die dermatologische Struktur der Haut die ursprünglich maghrebinisch-palästinensische Herkunft nachhaltig manifestiert.
  4. Die dunkelhäutige Mädchenmumie „Zilli“ entspricht in ihrer körperlichen Ausbildung einem normalen Kleinkind der entsprechenden Altersstufe. Sowohl die Oberfläche der Haut, als auch die sorgsam gepflegten Extremitäten (so wurden etwa sowohl die Finger- als auch Zehennägel regelmässig beschnitten) weisen darauf hin, dass es sich bei diesem Mädchen um ein Kleinkind einer wirtschaftlich abgesicherten und damit zur Elite gehörenden Gruppierung gehandelt haben muss. Die Mumifizierung als solche deutet dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein verwandtschaftliches Naheverhältnis zur kultischen Führungschicht hin. Die These eines Opferrituals scheint dabei, auf Grund des natürlichen Todeseintritts nicht haltbar, und wurde im Alpenraum in dieser Form weder in der Arteologischen– noch in der Hocharteologischen Epoche, nicht praktiziert.
  5. Das auf der linnenen Umwicklung des Mädchentorsos aufgetragene Symbol belegt zudem die transitalen Beeinflussungen nicht nur im soziokulturellen Umfeld des Alltags, sondern spiegelt auch die in der Tiroler Bevölkerung nach wie vor vorhandene freiwillige Bereitschaft wider, für einen vermeintlichen Vorteil nahezu kritiklos Denk- und Handlungsmuster assimilativ zu übernehmen und in weiterer Folge als originär entwickelte Eigenleistungen zu definieren.
  6. Abschliessend ist festzustellen, dass es somit den typischen „Tiroler“ nicht gibt, sondern dass die sogenannte einheimische Bevölkerung ein sich ständig veränderndes Gemenge aus unterschiedlichen Völkern vom afrikanischen Kontinent, über den Balkan bis hin zu süd- und nordeuropäischen Siedlungsräumen darstellt.