{"id":1129,"date":"2015-12-09T21:11:50","date_gmt":"2015-12-09T19:11:50","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1129"},"modified":"2016-01-05T20:53:30","modified_gmt":"2016-01-05T18:53:30","slug":"kitzbuhel-juli-oktober-2003-ausgrabungsprotokoll-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1129","title":{"rendered":"Kitzb\u00fchel, Juli &#8211; Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 28"},"content":{"rendered":"<p>Dieses schon beinahe \u00fcberkandidelte Interesse an den humaoniden Funden entspricht in seiner Ausformung dem allgemeinen Hang zu einer konsumistischen Lebensf\u00fchrung, der sich insbesondere in Nordtirol, und hier wieder \u00e4usserst stark in den fremdenverkehrspolitischen Zentren, in einer Kultur der nahezu permanenten passiven Bespielung s\u00e4mtlicher Sinne niederschl\u00e4gt und zugleich einen extrem merkantil betonten Zugang zu allen Lebensbereichen oktroyiert. Individuelle Bedeutung und Pr\u00e4senz wird dabei gleichgesetzt mit rastloser Teilnahme an allen nur denkbaren Veranstaltungen und Events, wobei hier generell das ledigliche Dabeisein als solches bereits inhaltlichen Wert zu haben scheint, w\u00e4hrend tats\u00e4chliche, sinnstiftende oder gar bildungsbezogene Ans\u00e4tze weitestgehend fehlen und auch selten bis nie eingefordert werden. Sehr deutlich veranschaulicht wird dies beim gr\u00f6ssten j\u00e4hrlichen Spektakel in <em>Kitzbuehel<\/em>, um welches sich auch das gesamte Jahr die Vorbereitungen drehen: dem \u201e<em>Hahnenkammrennen<\/em>\u201c. Es handelt sich hierbei weder um ein animistisches Opfer, bei dem einem maskulinen Gefl\u00fcgel, bzw. dessen sekund\u00e4rem Geschlechtsmerkmal eine rituelle Bedeutung zukommt, noch um einen traditionellen Wettbewerb von L\u00e4ufern, deren Siegestroph\u00e4e als \u00dcberreichung eines Hahnenkamms, oder dessen ritueller und symbolisierter Gestaltungsform, dargestellt wird, vielmehr handelt es sich bei diesem \u201e<em>Hahnenkammrennen<\/em>\u201c um nichts weiter als ein Rennen von m\u00e4nnlichen Schil\u00e4ufern, die in m\u00f6glichst kurzer Zeit einen vorgegebene Streckenabschnitt am Berg \u201e<em>Hahnenkamm<\/em>\u201c bew\u00e4ltigen sollen. So wie diesem Spektakel jeder tiefere Sinnansatz oder auch nur ein historischer Bezug fehlen, so fehlt nahezu s\u00e4mtlichen Veranstaltungen (abgesehen von den wenigen, rein religi\u00f6sen Festen, die jedoch lediglich in ihren offiziellen Teilen als gut besucht bezeichnet werden k\u00f6nnen) ein gemeinschaftsf\u00f6rdernder Sinn und Zweck, es sei denn, die plumpe Gesch\u00e4ftemacherei als solche, wird als eigenst\u00e4ndige Berechtigung daf\u00fcr akzeptiert.<a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/schirennen.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1211\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/schirennen-150x150.jpg\" alt=\"schirennen, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Andererseits bedeutet dies, dass auch die oftmals banalsten Dinge nach M\u00f6glichkeit derart \u201eaufgeblasen\u201c werden, um sie einem bereitwilligen Publikum als ideale Freizeitgestaltung verkaufen zu k\u00f6nnen. Sei dies eben ein Schirennen (wobei es hier lediglich um Geschwindigkeit und keinesfalls um Sch\u00f6nheit oder gar \u00c4sthetik geht), ein Tennisspiel oder ein Platzkonzert der ortsans\u00e4ssigen Musikkapelle. Der Inhalt ist Nebensache, solange dabei ausgiebig und teilweise auch rauschhaft konsumiert werden kann. <em>Magnus Erasmuson<\/em> spricht in diesem Zusammenhang von der \u201e<em>Event-ualisierung<\/em>\u201c der Gesellschaft \u2013 und beschreibt dabei den Vorrang des Konsumierens vor jeglicher geistigen Auseinandersetzung, er geht dabei sogar so weit, zu behaupten, dass tats\u00e4chliche Inhalte im Grunde genommen als St\u00f6rung empfunden und daher mittels Ignoranz strikt abgelehnt werden (sh. \u201e<em>Event-ualisierung \u2013 oder: Der konsumistische Siegeszug der Ignoranz\u201c, Magnus Erasmuson, Svensonverlag, 2000)<\/em>.<\/p>\n<p>In diesem Kontext wird auch das offensichtlich \u00fcbersteigerte mediale Interesse am humanoiden Fund vom 28. August 2003 verst\u00e4ndlich. Weder kann dieser arteologische Fund auf spektakul\u00e4re Beigaben verweisen, noch auf besondere, zumindest bild- und deutungsstarke Grabungselemente wie Mauern, Grabkammern udgl. mehr verweisen, wie sie etwa h\u00e4ufig bei Ausgrabungen im \u00e4gyptischen <em>Tal der K\u00f6nige<\/em> zu finden sind. Vielmehr ist dieser und auch die meisten anderen arteologischen Funde in <em>Nordtirol<\/em> von optischer Einfachheit gepr\u00e4gt, die insgesamt dem kulturellen und soziologischen Gesamtbefund des nordtiroler Raums entsprechen.<\/p>\n<p>Somit eine deutliche Grenzziehung zu einem merkantilen und medialen Ausverkauf dieser Fundungen zu manifestieren, entspricht daher der wissenschaftlichen Notwendigkeit und muss auch mit aller Vehemenz gegen\u00fcber den lokalen Interessen und Gepflogenheiten vertreten werden. Dies deutlich und nachvollziehbar zu kommunizieren stellte eine der wichtigsten Aufgaben im weiteren Verlauf dieser Ausgrabungen dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses schon beinahe \u00fcberkandidelte Interesse an den humaoniden Funden entspricht in seiner Ausformung dem allgemeinen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1129"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1129"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1212,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1129\/revisions\/1212"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}