{"id":1156,"date":"2016-01-05T19:54:36","date_gmt":"2016-01-05T17:54:36","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1156"},"modified":"2016-01-05T21:22:33","modified_gmt":"2016-01-05T19:22:33","slug":"arteologische-kontextbefundung-der-fundrelevanten-grabungsergebnisse-der-grabungsstelle-kitzbuhel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1156","title":{"rendered":"Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle \u201eKitzb\u00fchel\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle \u201eKitzb\u00fchel\u201c, Team \u201eKitzb\u00fchel\u201c; Bearbeitungsstatus: November 2003.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Prim\u00e4re Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen<\/strong>:<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Funde der Grabungsstelle \u201e<em>Kitzb\u00fchel<\/em>\u201c lassen sich in drei Kategorien einteilen:<\/p>\n<ul>\n<li>Keramiken \u2013 Fundung im Bereich der Kultnische<\/li>\n<li>Kultnische und metallene Miniaturen \u2013 2 St\u00fcck<\/li>\n<li>Humanoider Fund<\/li>\n<li>Diverse Alltagskeramiken und metallene Gebrauchswerkzeuge<\/li>\n<\/ul>\n<p>ad 1) Vorweg ist festzuhalten, dass die Grabungsstelle \u201e<em>Kitzbuehel<\/em>\u201c im Gegensatz zu den bisherigen arteologischen Ausgrabungen in Nordtirol in deutlichem Ausmass von insistalen Faktoren im Bezug auf die Gesamtgenese dieses soziokulturellen Gef\u00fcges bestimmt wird, und sich die Einfl\u00fcsse von transitalen Elementen \u00fcberwiegend in reproduktiven und teilweise plagiathaft anmutenden Gestaltungsformen niederschlugen. Dieser Status scheint bedingt durch die geografische Lage zwischen den Haupthandels- und Hauptwanderwegen die das <em>bayrischen<\/em> <em>Alpenvorland<\/em> mit der nat\u00fcrlichen Begrenzung durch den s\u00fcdlich gelegenen Alpenhauptkamm verbinden und zeigt sich sowohl in den seit <em>vorarteologischer<\/em> <em>Zeit<\/em> bereits entwickelten Handelsbeziehungen bis hin zu den mediterranen Kulturkreisen im S\u00fcden und der sogenannten \u201e<em>Bernsteinroute<\/em>\u201c in Richtung Norden (<em>Ostsee<\/em>, <em>Baltikum<\/em>). Mit dem Abbau und der Verh\u00fcttung von Erzen festigte sich die \u00f6konomische Basis bereits in der auslaufenden <em>vorarteologischen<\/em> Epoche und verschaffte dem Raum <em>Kitzbuehel<\/em> im Wesentlichen jene soziokulturelle Grundlage, die als Voraussetzung f\u00fcr eine insistal bedingte Entwicklung gelten.<a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/kitzi-26.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1235\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/kitzi-26-150x150.jpg\" alt=\"grabungsarbeiten, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit bei den vorgefundenen Keramiken \u2013 sowohl beim Henkelkrug an der Fundstelle \u201eKultnische\u201c, als auch bei den weiteren Fundungen von mehreren Alltagsgebrauchsgegenst\u00e4nden aus Tonerden. W\u00e4hrend bei allen anderen Fundungen im Raum <em>Nordtirol<\/em> eine zumindest ansatzweise \u00e4sthetische \u00dcbernahme von transitalen Beeinflussungen deutlich nachweisbar ist, beschr\u00e4nkt sich dieser Einfluss im Raum <em>Kitzb\u00fchel<\/em> lediglich auf handwerklich, technische Verbesserungen und Verfeinerungen ohne jeden ornamentalen oder gar kunsthandwerklichen Ansatz.<\/p>\n<p>Besonders auffallend ist dies beim Henkelkrug, da dieses Keramikgef\u00e4ss eindeutig zur rituellen Ausstattung der Kultnische geh\u00f6rt und aufgrund der Materialanalyse von ans\u00e4ssigen Handwerkern erzeugt wurde (die verwendete Tonerde stammt aus einer Tongrube in der N\u00e4he von <em>Kufstein<\/em>\/<em>Nordtirol<\/em>). Der Henkelkrug besitzt eine glatte Oberfl\u00e4che und weist keinerlei Verzierungen oder gebrauchshinweisende Symboliken auf, vielmehr spiegelt er in seiner Einfachheit der Formgebung und, wenn auch sehr pr\u00e4zisen, Ausf\u00fchrung eine f\u00fcr die Tiroler Bev\u00f6lkerung noch heute typische intellektuelle Tr\u00e4gheit wider, die sich vor allem in einer bestimmten Art dumpfer Selbstgef\u00e4lligkeit zeitweise niederschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>In einem derartigen geistigen Umfeld k\u00f6nnen dauerhafte Ver\u00e4nderung und eine gesellschaftliche Weiterentwicklung entweder durch eine von den herrschenden Eliten verordnete gemeinschaftliche Anstrengung, oder aber durch transitale Beeinflussungen (durch Okkupation oder \u00fcber Handel und Gewerbe) erreicht werden, wie sie beispielhaft sehr deutlich in den letzten Jahrzehnten durch den Tourismus hervorgerufen wurden.<\/p>\n<p>ad 2) Die Kultnische wurde eindeutig von orts- und kulturfremden Handwerkern erbaut. Dies zeigt sich eindeutig sowohl in der Gestaltungsform selbst, als auch in den intarsischen Arbeiten, mit denen die W\u00e4nde der Kultnische ausgeschm\u00fcckt wurden, da es weder im gesamten Ausgrabungsbereich noch an anderen arch\u00e4ologischen St\u00e4tten im Grossraum <em>Kitzbuehel<\/em> irgendwelche Hinweise auf origin\u00e4r entstandene, gleichwertige Verarbeitungen von H\u00f6lzern gibt. Inwieweit die intarsischen Ornamente letztendlich etruskischen Vorbildern entsprechen ist noch nicht abschliessend gekl\u00e4rt, jedoch ist zur Zeit davon auszugehen, dass f\u00fcr dieses kultische Kleinod eindeutig Handwerker und\/oder K\u00fcnstler aus dem <em>nord<\/em>&#8211; bis <em>mittelitalienischen<\/em> <em>Raum<\/em> herangezogen wurden, da weder die notwendigen Techniken noch die entsprechenden Gestaltungsformen zum Zeitpunkt der Errichtung von eingeborenen Handwerkern beherrscht wurden.<a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/kitzi-211.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1237\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/kitzi-211-150x150.jpg\" alt=\"erstanalyse, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Kultnische wurde in ihrer Grundform nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet und weist die bisher einmalige Zweikammerstruktur auf, deren rituelle Zielsetzung sich allerdings bisher noch verschliesst.<\/p>\n<p>Bei den beiden <em>Cult<\/em>&#8211;<em>Objecten<\/em> zeigt sich eine gestalterische Weiterentwicklung, verbunden mit einer stringenten Beibehaltung der formalen Ausarbeitung. Sowohl die Gestaltung des Griffst\u00fccks, als auch die schrift\u00e4hnlichen Symbole sind ident mit den bisherigen derartigen Funden im Raum <em>Nordtirol<\/em>. Allerdings wurde der am oberen Ende des Griffst\u00fccks befindliche Querteil nunmehr streng vereinfacht und mittels eines runden Eisenst\u00fccks in Form eines \u201eT\u201c angebracht. Diese Formgebung erscheint sowohl gestalterisch als auch \u00e4sthetisch als grobe Vereinfachung der bisherigen Ausf\u00fchrungen, erzeugt aber gleichzeitig eine starke rituelle Symbolwirkung wie man sie insgesamt h\u00e4ufig im kultischen Zeremonialbereich vorfindet.<\/p>\n<p>Keines der beiden <em>Cult<\/em>&#8211;<em>Objecte<\/em> weist irgendwelche handwerkliche oder allt\u00e4gliche Gebrauchs- und Verwendungsspuren auf, es handelt sich somit um reine Symboltr\u00e4ger ohne prim\u00e4re Nutzungsabsichten.<\/p>\n<p>Auf Grund aller bisherigen Funde von derartigen C<em>u<\/em>lt-<em>Objecten<\/em> im Raum <em>Nordtirol<\/em> kann somit eine erste gemeinschaftliche Ausdrucksform im Raum <em>Nordtirol<\/em> nachgewiesen werden, wobei eindeutig festzuhalten ist, dass dies lediglich mit Hilfe transitaler Einfl\u00fcsse und mit bewussten R\u00fcckgriffen auf ausw\u00e4rtiges Wissen und fremdkulturellen technischen Errungenschaften m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>ad 4) Die weiteren vorgefundenen Keramiken belegen die artifizielle Einfachheit der eingeborenen Fertigungstechniken. Zwar wurde bereits die T\u00f6pferscheibe f\u00fcr die Produktion generell verwendet, aber es fehlt jede origin\u00e4re, sch\u00f6pferische Individualit\u00e4t in der Ausarbeitung. Dieses uneigenst\u00e4ndige, h\u00f6chstens reproduktiv zu bezeichnende Abarbeiten von vorgegebenen Grundformen in immer gleichen Verarbeitungsmodi muss als spezielles Erkennungsmuster angesehen werden. Dies gilt in gleicher Weise auch f\u00fcr die vorgefundenen metallenen Alltagsgegenst\u00e4nde (Messer, Zangen, H\u00e4mmer \u2026). Gleichwohl ist eine opportune \u00dcbernahme von \u00e4usseren Einfl\u00fcssen zumindest in assimilierter Form nachweisbar (sh. Ritzungen an den <em>Cult<\/em>&#8211;<em>Objecten<\/em>) und zeugt von einer widerstandsarmen \u00dcbernahme von fremden Einfl\u00fcssen, ohne zugleich eigene artifizielle Charakteristika zu setzen.<\/p>\n<p>Diese Anpassungsf\u00e4higkeit resultiert aus der Bereitschaft eigene Traditionen und Sitten um des eigenen Vorteils zu \u00e4ndern oder aufzugeben, garantiert gleichzeitig aber auch das eigene \u00dcberleben in wirtschaftlicher und gemeinschaftlicher Hinsicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung \u201eKitzb\u00fchel\u201c:<a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/kitzi-16.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1238\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/kitzi-16-150x150.jpg\" alt=\"protokollierung und skizze, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der humanoide Fund an der Grabungsstelle <em>Kitzb\u00fchel<\/em> stellt insoweit eine Besonderheit dar, als er kontextuell nicht eindeutig in den Bereich des kultischen zuordenbar ist. Es handelt sich beim \u201e<em>Kitzi<\/em>\u201c (so sein popul\u00e4rwissenschaftlicher Name, der aber auch bereits in der Fachwelt Einzug gehalten hat) um einen maskulinen, rechten Unterarm, der auf Grund seiner Mumifizierung zu Lebzeiten entweder der rituellen Priesterschaft oder aber der herrschenden politischen Elite zugeordnet werden muss, da derartig aufw\u00e4ndige Mumifizierungs- und\/oder Balsamierungstechniken nur herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten zur Verf\u00fcgung gestellt wurden.<\/p>\n<ol>\n<li>Sowohl der Unterarm als auch die Hand selbst weisen keinerlei Spuren von nachhaltiger k\u00f6rperlicher Arbeit auf. Es wurden weder Schwielen noch Narbengewebe entdeckt, die auf handwerkliche oder landwirtschaftliche T\u00e4tigkeiten hinweisen. Besonders die post mortem ausgebildete Geste des Gebens oder Empfangens verweist in ihrer Ausdrucksst\u00e4rke auf eine bewusste Absichtlichkeit, welche h\u00e4ufig in einer rituellen Konnotation feststellbar ist.<\/li>\n<li>Das f\u00fcr die Mumifizierung angewandte Verfahren und die daf\u00fcr verwendeten Materialien standen einzig den obersten Vertretern der (spirituellen) Eliten zur Verf\u00fcgung. Auf Grund der Fundsituation l\u00e4sst sich jedoch nicht eindeutig belegen, ob diese Mumifizierung ausschliesslich kultisch bedingt war.<\/li>\n<li>Die Analysen dieses humanoiden Fundes haben ergeben, dass es sich bei dieser maskulinen Person eindeutig um eine vor Ort sesshafte Person indogermanischen Typs gehandelt haben muss, allerdings wurden eindeutige genetische Nachweise vorgefunden, dass das weitere famili\u00e4re Umfeld dieser Person im <em>ostslawischen<\/em> Bereich beheimatet war. Es zeigt sich somit, dass sowohl im Hinblick auf die rituellen als auch herrschenden Eliten von keiner origin\u00e4ren Bev\u00f6lkerung ausgegangen werden kann, vielmehr wird einmal mehr deutlich, dass der gesamte tirolerische Raum im Hinblick auf seine soziokulturelle Ausformung einer andauernden transitalen Beeinflussung unterlegen ist. Es kann somit keinesfalls die <em>Tiroler<\/em> Bev\u00f6lkerung als ein \u201eVolk\u201c bezeichnet werden.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle \u201eKitzb\u00fchel\u201c, Team \u201eKitzb\u00fchel\u201c; Bearbeitungsstatus: November 2003. \u00a0 Prim\u00e4re&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1156"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1156"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1156\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1239,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1156\/revisions\/1239"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1156"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1156"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1156"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}