{"id":1455,"date":"2016-10-07T21:54:19","date_gmt":"2016-10-07T19:54:19","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1455"},"modified":"2016-10-07T21:54:19","modified_gmt":"2016-10-07T19:54:19","slug":"zillertal-juni-oktober-2012-ausgrabungsprotokoll-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1455","title":{"rendered":"Zillertal, Juni &#8211; Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 16"},"content":{"rendered":"<p>Die eigentliche Grabungst\u00e4tigkeit am ausgewiesenen Grabungsgebiet beidseitig des <em>Zillers<\/em> startete somit am 16. Juli 2012, nachdem am Vortag noch die \u00dcberbleibsel der Festveranstaltung aufger\u00e4umt und abtransportiert worden waren. Zudem ben\u00f6tigten offensichtlich zahlreiche Personen der eingeborenen Hilfskr\u00e4fte diesen Tag zur Erholung ihrer physischen Konsistenz, da auch dieses Fest den landes\u00fcblichen und soziokulturellen Traditionen entsprechend zu sp\u00e4ter Stunde in einer Bacchante endete, die ihrem Ritus nach mit einem Betrinken zu trance\u00e4hnliche Zust\u00e4nden gemeinschaftlich von m\u00e4nnlichen Teilnehmern aller Altersstufen zelebriert wurde. In dieser Zeitspanne der exzessiven Hingabe an den Alkohol scheinen s\u00e4mtliche Standesunterschiede aufgehoben, wobei jedoch augenf\u00e4llig bleibt, dass die elit\u00e4ren Kreise aus Politik und Administration sich bereits durch ihre Sitzordnung zu Beginn solcher Festivit\u00e4ten vom gew\u00f6hnlichen Volk abgrenzen um sp\u00e4terhin, noch vor dem fliessenden \u00dcbergang zum orgienhaften Teil des Festes, meist als geschlossener Pulk und unter kr\u00e4ftigem Applaus s\u00e4mtlich anwesender G\u00e4ste das Festgel\u00e4nde zu verlassen und eventuell andernorts, unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit ihren jeweiligen Neigungen nachzugehen. Auf diese Weise erzeugt zwar der ungehemmte Konsum von alkoholischen Getr\u00e4nken mit ritualisierten Trinkgebr\u00e4uchen ein scheinbar ubiquit\u00e4res Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, untermauert jedoch gleichzeitig mittels ungeschriebenen Gesetzm\u00e4ssigkeiten die streng patriarchale und hierarchische Struktur der Gemeinschaft, indem mittels codicierten Verhaltensmustern eine in sich geschlossene Struktur manifest wird, die weitgeheng unhinterfragt und kritiklos als autochtoner Ausdruck des eigenen Selbsterlebens gewertet und praktiziert werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/tradiertes-voklsfest-zillertal.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1456\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1456\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/tradiertes-voklsfest-zillertal-150x150.jpg\" alt=\"tradiertes-voklsfest-zillertal, foto: barbara niederwanger, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Diese Art von gemeinschaftsbildenden Trinkritualen sind nicht nur f\u00fcr das <em>Zillerta<\/em>l oder den Tiroler Raum typisch, sondern sie pr\u00e4gen den gesamten <em>Nordalpenraum<\/em>, wobei es in der Ausf\u00fchrung und Auslebung der bacchantischen Trancestufen lediglich lokale Unterschiede im zeremoniellen Ablauf sowie der Kost\u00fcmierung der Beteiligten Personen gibt. Freilich haben auch die merkantilen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte auch vor diesen, urspr\u00fcnglich wohl aus religi\u00f6sen Motiven erwachsenen Ritualen, nicht Halt gemacht, sondern diese Rituale vielmehr in rein kommerzielle Evente verwandelt, bei denen heutzutage an eigens daf\u00fcr geschaffenen Trinkpl\u00e4tzen sowohl M\u00e4nner als auch Frauen, aber auch Touristen aus aller Welt gegen Entgelt teilhaben d\u00fcrfen. Die dazu adaptierten oder gar neu erfundenen Inszenierungen bedienen sich dabei oftmals nahezu schamlos an den Ritualen tradierter Abl\u00e4ufe und verformen diese dabei r\u00fccksichtslos und sinnentleert zu reinen merkantilen Unterhaltungsgeschehnissen, deren einziger Zweck darin zu bestehen scheint, die teilnehmenden Personen mit grossen Mengen von Alkoholika fragw\u00fcrdiger Herkunft \u201eabzuf\u00fcllen\u201c und ihnen gleichzeitig das Gef\u00fchl zu vermitteln gegen ein \u00fcberteuertes Entgelt an einem origin\u00e4ren und traditionellem Volksfest teilgenommen zu haben.<\/p>\n<p>Im <em>Zillertal<\/em> ist hier wohl das sogenannte \u201e<em>Gauderfest<\/em>\u201c als typischstes und gr\u00f6sstes Vorkommnis dieser Art zu beurteilen: dazu kleiden sich nahezu s\u00e4mtliche einheimische Personen in Tracht, wobei die \u00fcberwiegende Menge der Besucherinnen und Besucher dabei eine von den Traditionen vollst\u00e4ndig losgel\u00f6ste Art von Bekleidung tr\u00e4gt, die lediglich durch die Schnittgestaltung als auch die Farbgebung noch im weitesten an \u00fcberlieferte Trachten am Rand erinnert. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit letzten \u00dcberbleibseln tradierter Rituale, wie etwa dem \u201eRanggeln\u201c, einer Form des m\u00e4nnlichen Ringens, oder dem Vorf\u00fchren von m\u00e4nnlichen Zuchtschafen, die losgel\u00f6st aus ihrer urspr\u00fcnglichen Bedeutung kaum mehr den seinerzeitigen Fruchtbarkeitsritualen entsprechen.<\/p>\n<p>Neben einer rummelplatzartigen Aufbereitung des Festgel\u00e4ndes wird versucht durch den Aufmarsch von Musikkapellen und Vereinen, sowie einer als humoristisch geltenden Ansprache eines faunartigen Redners eine Art von lokalspezifischer Authentizit\u00e4t zu vermitteln, die gleichwohl im Vergleich mit anderen, \u00e4hnlich organisierten und Ablaufenden Festveranstaltungen in kulturanthropologischer Hinsicht jeden eigenst\u00e4ndigen Bestandsanspruch vermissen lassen.<\/p>\n<p>Als weltweit gr\u00f6sstes \u201eFest\u201c dieser Art gilt das bekannte \u201e<em>M\u00fcnchner Oktoberfest<\/em>\u201c in <em>M\u00fcnchen<\/em>, welches j\u00e4hrlich im September stattfindet und von seiner Zielsetzung her durchaus vergleichbar ist mit dem beschriebenen \u201e<em>Gauderfest<\/em>\u201c in <em>Zell am Ziller<\/em>.<\/p>\n<p>Insgesamt kann festgestellt werden, dass mit zunehmender Prosperit\u00e4t und einer transitalen Beeinflussung durch den Tourismus und den weltweiten Handel, der Ge- und oftmals auch Missbrauch von Alkoholika ausserhalb der urspr\u00fcnglich streng reglementierten kultischen Rituale im Alpenbereich weit eher zu einer intrinsischen Entfremdung im soziokulturellen Selbstverst\u00e4ndnis f\u00fchrt, denn zu einer der Zeit entsprechenden Neuinterpretation und Adaption von alters her \u00fcberkommenen Ritualen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die eigentliche Grabungst\u00e4tigkeit am ausgewiesenen Grabungsgebiet beidseitig des Zillers startete somit am 16. 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