{"id":1500,"date":"2016-11-11T22:18:45","date_gmt":"2016-11-11T20:18:45","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1500"},"modified":"2016-11-11T22:18:45","modified_gmt":"2016-11-11T20:18:45","slug":"zillertal-juni-oktober-2012-ausgrabungsprotokoll-216","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1500","title":{"rendered":"Zillertal, Juni &#8211; Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 21\/6"},"content":{"rendered":"<p>Mit dieser Entwicklung von einem rein handwerklichen oder auch im Haushalt genutzten Ger\u00e4t hin zu einem Symbol ohne jegliche Alltagstauglichkeit, wird gleichzeitig der Schritt zu einer kultischen Abstraktion vollzogen, die damit eine dogmatische Grenze zwischen der untergebenen Bev\u00f6lkerung und der herrschenden Klasse der Priesterschaft widerspiegelt. Zudem wurde damit besonders im <em>Alpenraum<\/em> auch das moralische und im Sinne einer ethnischen Normenbildung auch strukturelle Primat der religi\u00f6sen Eliten in den entscheidenden Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders gegen\u00fcber den politischen und administrativen Eliten definiert. Die sich damit herausbildende \u00dcberschneidung f\u00fchrte letztendlich zu einer symbiotischen Herrschaftsform, die sowohl den religi\u00f6sen F\u00fchrungsgremien als auch den weltlichen Anf\u00fchrern wechselseitig zum Nutzen gereichte und als omnipr\u00e4sentes Beherrschungsinstrument den Alltag der Untertanen bis in die privaten Bereiche ihres Lebens regelte. So war und ist es im Raum <em>Nordtirol<\/em> selbst heute noch vollkommen normal, dass Fragen des Zusammenlebens, der Partnerschaft und der famili\u00e4ren Gestaltung unter die normative Wirkung religi\u00f6ser Tabus fallen, obgleich die weltliche Gesetzgebung am Papier durchaus den europ\u00e4ischen Normen einer aufgekl\u00e4rten und modernen Gesellschaft zu entsprechen scheinen. Dieses Verhalten ist einzig \u00fcber eine durch viele Jahrhunderte gepr\u00e4gte Verinnerlichung dieser generellen Abh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4rbar und erf\u00e4hrt seinen Kontrapunkt in den teilweise beinahe orgastisch anmutenden Volksfesten und in der Prolongation von Gebr\u00e4uchen, die letzte Reste von alten Fruchtbarkeitskulten und vorchristlichen Riten aufweisen, wie zum Beispiel die Fastnachtsbr\u00e4uche in <em>Imst<\/em> oder das bereits beschriebene \u201e<em>Gauderfest<\/em>\u201c im <em>Zillertal<\/em>. Diesen Festivit\u00e4ten und Gebr\u00e4uchen gemein ist die in diesen Abl\u00e4ufen strikt geregelte und ausgef\u00fchrte Katharsis, die es den Untertanen erm\u00f6glicht ihre Abh\u00e4ngigkeit und systemische Ausgeliefertheit in schauspielartigen Darbietungen als sinnerf\u00fcllte und einzig richtige Form der soziokulturellen Lebensm\u00f6glichkeit zu verifizieren. Dies zeigt sich deutlich in den oft theatralischen und stereotypen Darstellungen von vermeintlich abzulehnenden Lebensformen, in denen M\u00e4nner sich in Frauenkleidern zeigen, oder mittels martialisch anmutender Kampfspiele sich als \u00fcberlegen und auserw\u00e4hlt pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Selbst bei der <em>Christianisierung<\/em> des <em>Alpenraums<\/em> wurde dabei immer wieder mehr oder weniger deutlich erkennbar auf vorhandene kultische Br\u00e4uche, Traditionen und auch Symbole zur\u00fcckgegriffen. Die protestantische Theologin <em>Magdalena von Hansenberg <\/em>hat im Rahmen ihrer Forschungsarbeit \u201e<em>Die Christliche Symbolik im Alpenraum\u201c (Edition Religion und Forschung, Wittenberg, Deutschland, 1993)<\/em> aufgezeigt, dass die rein symbolhafte Darstellung des Kreuzes unter Verzicht der Anbringung eines Corpus in seinen skulpturellen Wurzeln auf den Raum <em>Nordtirol<\/em> zur\u00fcckgeht. Dies erscheint umso mehr bemerkenswert, da gerade in den h\u00e4uslichen Schreinen der Hausg\u00f6tter und in den Darstellungen von Kapellen und Kirchen \u00fcberwiegend Kruzifixe mit der aufgenagelten Darstellung des gekreuzigten Jesus vorzufinden sind, wobei diese Darstellungen meist eine \u00e4sthetisierende K\u00f6rpersprache aufweisen, die lediglich in ihrer Gesamtheit auf den Akt der Folterung in verkl\u00e4render Form hinweisen, im Erscheinungsbild jedoch eine \u00fcberh\u00f6hte und verg\u00f6ttlichende Wirkung erzielen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/cult_object_zeichnung_rueckansicht.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1501\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1501\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/cult_object_zeichnung_rueckansicht-150x150.jpg\" alt=\"cult_object_zeichnung_rueckansicht, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Die <em>Cult<\/em>&#8211;<em>objecte<\/em> des <em>Imminger<\/em> <em>Triptychons<\/em> sind somit die Grundform der corpuslosen Darstellung des christlichen Kreuzes als Skulptur und wurden im Zuge der Christianisierung des <em>Alpenraums<\/em> bewusst assimiliert und in die christliche Symbolik derart einbezogen, dass diese Darstellungsform mittlerweile weltweit als Markenzeichen, als Logo f\u00fcr das Christentum an und f\u00fcr sich steht. Dass in der grafischen Umsetzung der Marke \u201e<em>Christentum<\/em>\u201c, neben dem urspr\u00fcnglich verwendeten Zeichen eines symbolisierten Fisches bereits wesentlich fr\u00fcher das aus zwei Strichen bestehende eingeritzte oder gezeichnete Kreuz verwendet wurde, entspricht der generellen Notwendigkeit nach Vereinfachung und Erkennbarkeit im Sinne einer plakativ und generell einsetzbaren, sowie unverwechselbaren Gesamtidentifikation und dient somit einerseits der gemeinschaftlichen Charakterisierung als Gruppe und andererseits der Abgrenzung nach aussen.<\/p>\n<p>Diese \u00dcbernahme der urspr\u00fcnglichen und vorchristlichen Traditionen und Symboliken zeigt sich im <em>Christentum<\/em> nicht nur beim corpuslosen Kreuz, sondern dar\u00fcber hinaus auch in der cannibalistisch determinierten Form der Umwandlung von Fleisch und Blut in Brot und Wein. Hierbei wird dem Foltertod in Gestalt von <em>Jesus<\/em> <em>von Nazareth<\/em> als gemeinsames Mahl gedacht, wobei im katholischen Ritus lediglich die rein m\u00e4nnliche Priesterschaft den \u201eBluttrunk\u201c in Form eines mit Wasser verd\u00fcnnten Weissweines zu sich nimmt, w\u00e4hrend die Nichtpriesterschaft mit einem Geb\u00e4ckst\u00fcck in Form einer kreisrunden Oblate abgespeist wird. Lediglich bei der rituellen Feier einer Verm\u00e4hlung, wird auch der \u201eBluttrunk\u201c dem Brautpaar angeboten. Inwieweit hier einmal mehr dem Einsatz von alkoholischem Wein, als dem kulturspezifischen Rauschmittel des Okzidents schlechthin eine besondere Bedeutung zukommt, und hier wieder besonders die optisch verharmlosende und in ihrer Farbgebung die humane K\u00f6rperlosigkeit widerspiegelnde Verwendung von Weisswein als Blutersatz, stellt eine Frage der Religionshistorik dar, die im Rahmen dieser arteologischen Forschung lediglich im Bereich der artifiziellen Nutzung seinen Niederschlag finden kann.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/cult_object_foto_triptychon_sw.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1502\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1502\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/cult_object_foto_triptychon_sw-150x150.jpg\" alt=\"cult_object_foto_imminger_triptychon, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Auch die Bedeutung der triptychonalen Anordnung von <em>Cult<\/em>&#8211;<em>objecten<\/em>, wie sie auch in der Kreuzigungsdarstellung des <em>Christentums<\/em> h\u00e4ufig zu finden ist, kann hier nur in Ans\u00e4tzen und als chronologische Entwicklung bewertet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dieser Entwicklung von einem rein handwerklichen oder auch im Haushalt genutzten Ger\u00e4t hin zu&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1500"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1500"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1500\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1503,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1500\/revisions\/1503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}