{"id":1525,"date":"2016-12-14T22:02:14","date_gmt":"2016-12-14T20:02:14","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1525"},"modified":"2016-12-14T22:02:14","modified_gmt":"2016-12-14T20:02:14","slug":"zillertal-juni-oktober-2012-ausgrabungsprotokoll-226","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=1525","title":{"rendered":"Zillertal, Juni &#8211; Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 22\/6"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/fundprotokollzeichnung_linnene_huelle.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1526\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1526\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/fundprotokollzeichnung_linnene_huelle-150x150.jpg\" alt=\"fundprotokollzeichnung_linnene_huelle, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Der rituelle Charakter dieser Kleinkindmumie tritt zudem deutlich durch Anbringung eines sternartigen Symbols auf der linnenen Einh\u00fcllung zutage. Im Bereich des unteren Brustabschnitts und des Abdomens wurde ein aus zwei gleichschenkeligen Dreiecken zusammengef\u00fcgtes Symbol in Form von Linien aufgetragen. Diese zwei Dreiecke bilden mit ihrer horizontal gespiegelten Fl\u00e4che in der \u00dcberlagerung einen regelm\u00e4ssig wirkenden Stern, dessen innere Fl\u00e4che von einem Hexagon gebildet wird. Diese hexagonale Form bildet auch der Basalt s\u00e4ulenf\u00f6rmig aus, wenn die Erstarrung der Lava langsam erfolgt. Die symbolische Verbindung zwischen dem die Lagerst\u00e4tte der <em>\u201eZilli\u201c<\/em> f\u00fcllenden Basaltsand und der inneren hexagonalen Struktur des den Torso zierenden Sterngebildes erscheint somit evident. Zudem besteht kein verf\u00fcgbares Basaltvorkommen im Raum <em>Nordtirol<\/em> und verweist somit deutlich einmal mehr auf die transital bedingte Beeinflussung der indigenen Bev\u00f6lkerung des <em>Zillertales<\/em> und auch der gesamten <em>Nordtiroler<\/em> <em>Bev\u00f6lkerung<\/em>. In Verbindung mit den assimilativen \u00dcbernahmen von Fertigkeiten und soziokulturellen Intellektstrukturen, die in den vorgefundenen Artefakten ihren deutlichen Niederschlag gefunden haben, wird einerseits die relative Armut an geistiger Innovation und andererseits die Abh\u00e4ngigkeit von externen Beeinflussungen \u00fcberdeutlich, die in letzter Konsequenz aber dazu gef\u00fchrt haben, dass die sich aus diesen transitalen Begegnungen herausgeformte Mischbev\u00f6lkerung im <em>Nordtiroler<\/em> <em>Raum<\/em> dauerhaft gegen\u00fcber den naturbedingten Herausforderungen durchsetzen und somit ihren Habitatsbereich begr\u00fcnden konnte.<\/p>\n<p>Das sternenf\u00f6rmige Symbol wurde mit Hilfe eines riffelartigen Instruments aufgebracht. Die chemische Analyse des verwendeten Farbstoffes ergab eine Zusammensetzung aus Harzen der Bergkiefer (<em>Pinus mugo<\/em>), der L\u00e4rche (<em>Larix<\/em>), der Europ\u00e4ischen Eibe (<em>Taxus<\/em> bacca<em>t<\/em>a) mit einem ca. 60 %igen Anteil von Russ, einem schwarzen, pulverf\u00f6rmigen Feststoff der durch Verbrennung entsteht und in diesem Fall zu mehr als 99 % aus Kohlenstoff besteht. Die Vermengung dieses Farbstoffes erfolgt durch Erw\u00e4rmung und Aufkochung, wobei die Zuf\u00fcgung des Russes durch eine allm\u00e4hlich erfolgende Einr\u00fchrung erst ab Erreichen des Siedepunktes des Harzgemisches und unter Wegnahme der Befeuerung unter st\u00e4ndigem R\u00fchren durchgef\u00fchrt wird, bis die Farbmischung bei einer Temperatur um 75 \u00b0 Celsius jene Konsistenz erreicht, die eine weitere Verarbeitung als Anstrich oder Signaturmaterial erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Durch die relativ hohe Temperatur beim Auftrag konnte die Farbmischung tief in das linnene Gewebe eindringen. Dies zeigt sich sehr deutlich in der unscharfen Randbildung der gef\u00fchrten Zeichenstriche.<\/p>\n<p>Das Gewebe aus Leinen wurde aus heimischen Flachsfasern hergestellt und besticht durch seine \u00e4usserst feine Verarbeitung. Die Fadenzahl der Webung betr\u00e4gt ca. das Doppelte gegen\u00fcber vergleichbaren Funden aus dem <em>Alpenraum<\/em> und belegt auch in diesem Punkt die rituelle Wertigkeit dieses Mumienfundes.<\/p>\n<p>Bereits im fr\u00fchen <em>Judentum<\/em> wurde das Hexagon sowohl in der Architektur, der Malerei und der Grafik verwendet. Die Symbolik des Sechsecks fusst dabei auf der Zahl 6, deren Bedeutung sich aus der Summe der ersten drei Zahlen \u2013 1 und 2 und 3 \u2013 ergibt und symbolisieren aus der Sicht der <em>j\u00fcdischen<\/em> <em>Religion<\/em> betrachtet die Allmacht Gottes. Gleichzeitig stehen diese Zahlen und damit das Hexagon aber auch f\u00fcr das Gleichgewicht und die Harmonie des G\u00f6ttlichen und Weltlichen. Die sp\u00e4tere \u00dcbernahme dieses Symbols durch das <em>Christentum<\/em> wird vor allem in Malereien aus dem <em>Sp\u00e4tmittelalter<\/em> (vgl. den hexagonalen Tisch im \u201e<em>Paradiesg\u00e4rtlein<\/em>\u201c des Oberrheinischen Meisters; um 1410, <em>St\u00e4delsches<\/em> <em>Kunstinstut<\/em>) und verschiedenen Sakralbauten (Fresken im <em>Dom<\/em> <em>zu<\/em> <em>Pisa<\/em>. Die sechseckige Kapelle zu <em>Comburg<\/em>) deutlich.<\/p>\n<p>In der Kleinkindmumie der \u201e<em>Zilli<\/em>\u201c vereinen sich somit die maghrebinisch-pal\u00e4stinensischen Wurzeln der biogenetischen Vermengung der indigenen <em>Zillertaler<\/em> Bev\u00f6lkerung mit den durch transitalen Austausch \u00fcbernommenen artifiziellen Fertigkeiten, wobei jedoch deutlich zwischen der strikten Trennung von elit\u00e4rer F\u00fchrungsschicht mit ihrem Zugang zu diesen intellektuellen und manifakturellen Ressourcen und der in relativer Wissenslosigkeit und Abh\u00e4ngigkeit vegetierenden gemeinen Bev\u00f6lkerung zu unterscheiden ist. Gerade die Ausformung der rituellen Kulttraditionen belegt in aller Deutlichkeit die in der indigenen Bev\u00f6lkerung bis heute \u00a0manifest verankerte Deutungshoheit einer hierarchisch bestimmten und im Eigenverst\u00e4ndnis somit von h\u00f6heren M\u00e4chten beauftragten, geistigen und geistlichen Elite.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der rituelle Charakter dieser Kleinkindmumie tritt zudem deutlich durch Anbringung eines sternartigen Symbols auf der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1525"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1525"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1525\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1527,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1525\/revisions\/1527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}