{"id":748,"date":"2014-06-23T21:59:15","date_gmt":"2014-06-23T19:59:15","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=748"},"modified":"2014-06-23T21:59:15","modified_gmt":"2014-06-23T19:59:15","slug":"kaunertal-mai-oktober-1997-ausgrabungsprotokoll-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=748","title":{"rendered":"Kaunertal, Mai &#8211; Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 19"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die \u00fcblichen Trockenmauerungen des den Stelen-\/Nischenplatz umschliessenden und architektonisch \u00f6ffnenden Stelenvorplatzes durchaus der damaligen regions\u00fcblichen Handwerksaus\u00fcbung entspricht, ebenso kann auch der trockengemauerte, wenn auch \u00e4usserst sorgsam gef\u00fcgte Sockel der Nische noch von eingeborenen Handwerkern erbaut worden sein, muss eindeutig festgehalten werden, dass die komplette Mauerung der Nische als solcher, mit ihrem polygonalem Ansatz und der dreigeteilten Plattenabdeckung aus ineinander im Nut- Federsystem verlegten Steinplatten mit zus\u00e4tzlich ausgefertigter wasserabweisender W\u00f6lbung von einer derartigen Bearbeitungsqualit\u00e4t zeugt, welche bisher weder in Nordtirol noch in den restlichen Ausgrabungsgebieten des Alpenbereiches vorgefunden wurde. Zudem verweist die Verwendung des mineralisch-organischen Klebem\u00f6rtels sowie die Art und Weise der Oberfl\u00e4chenbehandlung der drei Abdeckplatten durch Harze und Wachse auf einen hohen und reichen Erfahrungsstand der bearbeitenden Handwerker.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Bei der Laboranalyse im <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Arch\u00e4ologischen Institut der Universit\u00e4t von Turin<\/i><span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0 <\/span>&#8211; welche f\u00fchrend ist auf dem Gebiet mineralischer, vorantiker Verbindungen im bautechnischen Bereich \u2013 hat sich unzweifelhaft herausgestellt, dass es sich bei diesem M\u00f6rtelgemisch, welches als zus\u00e4tzlicher Kleber zwischen den ansatzweise polygonal verlegten Mauersteinen der Nische verwendet wurde, um ein M\u00f6rtelgemisch handelt, welches bereits voretruskisch erstmals in der auslaufenden Sp\u00e4tsteinzeit im sp\u00e4teren <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Villa-Nova-Kulturraum<\/i>, wenn auch noch primitiverer Form, in Verwendung stand. In der etruskischen Stadt <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Clevsin<\/i> (dem heutigen <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Chiusi<\/i>) wurden mehrere \u00dcberreste von kleinnischigen, meistens in bestehendes und oftmals auch erst in sp\u00e4terer Zeit umbauten Mauerwerk vorgefunden, die sowohl von ihrer polygonalen Gestaltung her, als auch von der Verwendung der m\u00f6rtelartigen Bindematerialien eine starke Affinit\u00e4t zum Fund im Kaunertal aufweisen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Der geriebene Bimsstein, der im M\u00f6rtel der Kaunertaler Nische nachweislich in einem Prozentverh\u00e4ltnis zwischen 18 % und 31 % vorhanden ist, kann herkunftsm\u00e4ssig eindeutig dem appeninischen vulkan\u00f6sen Gebirgsstreifen zugeordnet werden und ist somit geologisch eindeutig ident mit jenen in den M\u00f6rtelresten von <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Clevsin<\/i> vorgefundenen Bimssteinanteilen. Die verwendeten Lehmerden und der Gips hingegen sind zweifelsfrei dem geologischen Umfeld des Kaunertals zuzuschreiben, wobei die Vermutung, dass es sich beim Gips um jenes Material handeln k\u00f6nnte, welches einer bereits seit alters her verwendeten Gipsabbaustelle im <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Lechtal<\/i> entspricht, als nicht zutreffend ausscheiden musste.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Sowohl die handwerkliche als auch materialtechnische Analyse belegt daher die Theorie, dass es sich bei den Erbauern der Nische um Fremdleistungen im Sinne einer Auftragsarbeit handeln musste, da das Fehlen jeglicher weiterer Bauten in dieser speziellen Ausf\u00fchrung, eine Arbeitsleistung in Form von Sklaverei und\/oder kriegstechnischer Gefangenschaft im Zuge eines aggressiven, milit\u00e4rischen Konflikts ausscheidet.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/nische_innen.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-749\" alt=\"nische_innen, kaunertal 1997, arkadasch, arteologie\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/nische_innen-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Diese Stele\/Nische wurde somit bewusst an fremdl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte vergeben, um genau an diesem Platz ein Bauwerk zu schaffen, das fernab von jeder praktischen Verwendung einzig und allein einem kultischen Zweck dient. Dass hief\u00fcr keine eingeborenen Kr\u00e4fte einsetzbar waren belegt das Vorhandensein einer kultischen und wohl auch administrativen Elite, deren Beziehungen weit \u00fcber die unmittelbare Region hinausreichten und somit bis zu fremdsprachlichen und fremdkulturellen Regionen gepflegt wurden, obgleich diese Kontakte und Regionen bereits von einer h\u00f6herwertigen Soziet\u00e4t und damit einhergehend einer nicht geringen technischen und handwerklichen \u00dcberlegenheit gekennzeichnet waren. Umgekehrt betrachtet belegt dieser Austausch die Wichtigkeit der transalen Handels- und Wanderrouten durch das Gebirgsmassiv der Alpen, welche somit nicht nur f\u00fcr die V\u00f6lkerschaften des Nordens, sondern in gleichem Ausmasse auch f\u00fcr die des S\u00fcdens von prim\u00e4rer Bedeutung waren.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00d6ffnung der Nische wurde f\u00fcr den 29. Juni 1997 geplant. Die daf\u00fcr extra angereiste Mineralogin Frau <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Mag. Susanne Best<\/i> (<i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">University of Manchester<\/i>) lies daf\u00fcr zuerst den gesamten umgebenden Graben mit einem Gemisch aus Zement und Kiesen festigen, sodass durch eventuelle Unachtsamkeiten keine Verunreinigungen durch Umgebungsmaterial die ausgekratzten M\u00f6rtelteile des Nischenklebers unbrauchbar machen konnte. Sodann wurde der Grabenboden mit einem Flies aus PVC abgedeckt und die die Nische tragende Stele gleichfalls doppelt in dieses Flies verpackt. Die \u00dcberdachung dieses Fundbereiches erfolgte grossr\u00e4umig mittels einer Zeltbahn, sodass die \u00d6ffnung der Nische sowohl Wind- als auch regengesch\u00fctzt vorgenommen werden konnte. <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Dr. Arkadasch<\/i>, und die Leiterin dieser Nischen\u00f6ffnung, Frau <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Mag. Susanne Best,<\/i> trugen dabei Schutzanz\u00fcge, sterile Handschuhe und Atemschutz um dergestalt eine Kontamination auszuschliessen. Frau Mag. Susanne Best l\u00f6ste zuerst kratzend am rechten, oberen Eck die Verbindung zwischen der granitenen Verschlussplatte und dem st\u00fctzenden Mauerwerk. Die H\u00e4rte dieses Klebers war bereits nach wenigen Millimetern derart hoch, dass mit normalen Bildhauerspateln kein Weiterkommen mehr m\u00f6glich war und Frau Mag. Susanne Best auf zahnchirurgisches Besteck zur\u00fcckgreifen musste, um erfolgreich diesen Kleber entfernen zu k\u00f6nnen. Nach mehrst\u00fcndiger Arbeit konnte ein erstes Durchdringen dieser Kleberschicht erreicht werden und nach zwei weiteren Stunden war es m\u00f6glich vorsichtig die Verschlussplatte \u2013 unter dem Applaus s\u00e4mtlicher Teammitglieder und Hilfskr\u00e4fte, die sich diesen spannenden Augenblick nat\u00fcrlich nicht entgehen liessen \u2013 vollst\u00e4ndig herauszul\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Die dahinter freiwerdende Nische war leer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die \u00fcblichen Trockenmauerungen des den Stelen-\/Nischenplatz umschliessenden und architektonisch \u00f6ffnenden Stelenvorplatzes durchaus der damaligen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/748"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=748"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/748\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":750,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/748\/revisions\/750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=748"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=748"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=748"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}