{"id":936,"date":"2015-01-24T23:08:54","date_gmt":"2015-01-24T21:08:54","guid":{"rendered":"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=936"},"modified":"2015-01-24T23:08:54","modified_gmt":"2015-01-24T21:08:54","slug":"pitztal-juli-oktober-1999-ausgrabungsprotokoll-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/?p=936","title":{"rendered":"Pitztal, Juli &#8211; Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 18"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Wie in allen l\u00e4ndlichen Gebieten weltweit, ist auch das Selbstbild der inneralpinen Rand- und Marginalit\u00e4tsregionen von starken Traditionen und relativ strengen, konservativen Wertvorstellungen gepr\u00e4gt, welche die gesamte Lebensszenerie der jeweilig eingeborenen Bev\u00f6lkerung von der Geburt bis zum Tod begleitet. Sofern es nicht gelingt \u201emoderne\u201c oder \u201efortschrittliche\u201c Beeinflussungen von aussen f\u00fcr den eigenen Wertekanon zu adaptieren, erfolgt eine geschlossen wirkende Ablehnung, die es scheinbar nahezu verunm\u00f6glicht, Korrekturen und\/oder sinnvolle \u00dcbernahmen zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt zu erm\u00f6glichen. Diese nach aussen getragene H\u00e4rte und Robustheit wird jedoch umgehend aufgegeben, sobald merkantile \u00dcberlegungen und Interessen ins Spiel kommen. So wird beispielsweise im <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Pitztal<\/i> (aber auch im gesamten <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Nordtiroler Raum<\/i>) unter dem Primat des Tourismus, das ansonsten strengst abgelehnte Gewerbe der Prostitution in touristischen Betrieben und Bars sowohl gesetzlich als auch gesellschaftlich geduldet \u2013 allerdings unter der fragw\u00fcrdigen Pr\u00e4misse, dass es sich bei den dienstleistenden Damen keinesfalls um einheimische Frauen handeln darf. Dass gerade diese ungeschriebene Norm den einen oder anderen eingeborenen Mann erst recht zu nachtschlafener Zeit und unter rauschhaftem Einfluss von Alkohol zum mehr als neugierigen Kunden akquiriert, wird mittlerweile nicht einmal mehr von offizieller Seite dementiert. Zwar ist <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">Nordtirol<\/i> im europ\u00e4ischen Vergleich noch immer als durchschnittlich bis schwach mit Internetanschl\u00fcssen versehen, doch ist dies einerseits auf die relativ geringe Durchsetzung der privaten Haushalte mit PCs zur\u00fcckzuf\u00fchren und andererseits auf die typisch eingeborenen Skepsis der Bewohner gegen\u00fcber technischen Erneuerungen, die jedoch zweifelsfrei bei vorliegen geldwerter Vorteile einer nahezu streberhaften An- und Verwendung weicht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Der Gegensatz zwischen moderner, raschlebiger Gegenwart und vermeintlich sicherer, beschaulicher Tradition zeigt sich besonders bei der Jugend und den jungen Erwachsenen (sofern sie nicht in die gr\u00f6sseren St\u00e4dte und Zentren abgewandert sind) in offen ersichtlichen Diskrepanzen, wie etwa dem zeitweise hemmungslosen Zuspruch der kulturimanenten Droge Alkohol. War der Konsum dieses Rauschmittels bis vor circa 40 Jahren noch ausschliesslich im \u00f6ffentlichen Raum auf Erwachsene \u00fcber 21 Jahre gesetzlich beschr\u00e4nkt, so ist diese Grenze mittlerweile f\u00fcr Bier und Wein auf 16 Jahre gesenkt worden \u2013 mit allen damit einhergehenden Folgeerscheinungen. Zudem bestand das \u00fcbliche und leistbare Angebot aus Alkoholika \u00fcberwiegend aus wenigen Biersorten, s\u00e4uerlichem Rotwein aus dem benachbarten <i style=\"mso-bidi-font-style: normal;\">S\u00fcdtirol<\/i> und selbstgebrannten Schn\u00e4psen (wobei hier interessanterweise gesetzlich jeder Besitzer eines Obstbaums das Recht auf eigene Destilliere besitzt). Mit dem wirtschaftlichen Erfolg des Tourismus hielten jedoch bisher unbekannte alkoholische Getr\u00e4nke in verschiedenen Mischungen mit nichteinheimischen, \u00fcberwiegend k\u00fcnstlich erzeugten limonadeartigen Getr\u00e4nken Einzug, die vorwiegend von Jugendlichen und jungen Menschen beiderlei Geschlechts, besonders am Wochenende, in gruppendynamischen Prozessen bis hin zu komat\u00f6sen Ausfallserscheinungen konsumiert werden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/marketenderin.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-937\" alt=\"marketenderin, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologie\" src=\"http:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/wp-content\/uploads\/marketenderin-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Dies zeigte sich auch bei der gemeinsamen Feier am Abend des 27. Juli 1999. Bereits beim offiziellen Teil dieser Feier wurde von den zwei weiblichen Mitgliedern der Sch\u00fctzenkompanie \u2013 sie werden Marketenderinnen (von italienisch <i>mercatante<\/i> oder <i>mercadante<\/i>, Nebenform zu <i>mercante<\/i> \u201eH\u00e4ndler\u201c) genannt, in Anlehnung an die Begleiter und Begleiterinnen der Armeen und Heere, beginnend von den alt\u00e4gyptischen Heeren bis herauf ins beginnende 20. Jahrhundert, wobei festzuhalten ist, dass es sich bei diesen Frauen der tiroler Sch\u00fctzenkompanien (und Blasmusikkapellen) um unverheiratete junge Frauen von gutem Ruf handelt. Um so erstaunlicher wirkt daher die Tatsache, dass diese junge Frauen zu ihrer lokalen Tracht mit einem h\u00f6lzernen Umh\u00e4ngefass, das mit hochprozentigem Schnaps gef\u00fcllt ist, ausgestattet sind, mit dem sie dann reihum gehen und gegen ein kleines Entgelt diesen Schnaps an die anwesenden G\u00e4ste und das Publikum ausschenken. Es gilt dabei als unschicklich ein derartiges Angebot abzulehnen und ist f\u00fcr die jeweiligen Ehreng\u00e4ste geradezu ein Muss an diesem Umtrunk (der immer aus einem einzigen metallenen Becher gereicht wird) teilzunehmen. Da zudem st\u00e4ndig Wein und Bier gereicht wird, ist es erstaunlich wie lange trotzdem eine gesittete und h\u00f6fliche Atmosph\u00e4re bei derartigen Anl\u00e4ssen gewahrt wird. Erst zu sp\u00e4terer Stunde, wenn die \u00fcberwiegende Zahl der Ehreng\u00e4ste und \u00e4lteren Teilnehmer sich verabschiedet hat, kommt es dann zu entsprechend rauschhaften Szenerien, die aber insoweit als normal und geduldet zu betrachten sind, als sie am n\u00e4chsten Tag zu keinerlei Ausf\u00e4llen in den allt\u00e4glichen Arbeitsroutinen f\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Jede Kultur besitzt ihre eigenen Rauschmittel und ihre eigenen Traditionen im Umgang damit. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass gerade im alpinen Raum der immer weiter zunehmende Massentourismus der letzten drei Jahrzehnte zu einer bisher unbekannten F\u00fclle von bisher nicht kulturimanenten Rauschmitteln gef\u00fchrt hat, die im gesellschaftlichen Gef\u00fcge weder traditionell noch kulturell positiv implementiert werden konnten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Gerade hier vermag die Arteologie im Selbstverst\u00e4ndnis einer Gemeinschaft jene Ans\u00e4tze zu vermitteln, die als grundlegende Hilfestellung bei der Erarbeitung einer eigenst\u00e4ndigen, aus der eigenen Historie entwickelten Aufarbeitung und Applikation dienen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in allen l\u00e4ndlichen Gebieten weltweit, ist auch das Selbstbild der inneralpinen Rand- und Marginalit\u00e4tsregionen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/936"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=936"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":938,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/936\/revisions\/938"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arteologie.xn--gni-noggler-thb.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}