Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 5
Während die Seitentäler des Oberen Inntales (geografisch der Bereich westlich von Innsbruck) fast ausschliesslich eine Süd-Nord-Erstreckung aufweisen, stellt sich die Geländegruppierung der Kitzbüheler Alpen weitgehend als separate Gestaltungsformation dar, die lediglich über Kufstein und Wörgl talläufig mit dem Inntal verbunden ist. Diese Separierung ist zwar nicht so stark geografisch ausgebildet wie etwa diejenige des Lechtales (Ausserfern), welches lediglich durch die Überwindung von Gebirgspässen zu erreichen ist, bildet jedoch insgesamt eine eigenständige Struktur, die sich auch arteologisch betrachtet in unterschiedlichen Differenzierungen manifestiert. Die im Grossen und Ganzen wesentlich sanftere Ausformung der Landschaft begünstigte sowohl die allgemeine Besiedelung als auch die verschiedenen transalen und insistalen Nutzungen, wie es eindeutig die bereits bronzezeitlichen Bergwerksfunde belegen. Zusätzlich bewirkte das Fehlen der im Inntal über Jahrhunderte hinweg regelmässig auftretenden starken Überschwemmungen und die damit einhergehenden Erschwernisse einer dauerhaften Besiedelung eine relativ frühe Form einer beschränkten Sesshaftigkeit, bzw. der alpintypischen halbnomadischen Besiedelungsform, mit dem Schwerpunkt der Tierzucht und einer auf Autarkie ausgerichteten primitiven Landwirtschaft. Die Vorkommen an Kupfer (und einiger weniger, marginal vorkommender anderer Metalle) trugen wesentlich zur Herausbildung dorfähnlicher Siedlungen bei, die in weiterer Folge die dadurch sich entwickelnden Handelsbeziehungen nach Süden (dem heutigen Bundesland Salzburg und darüber hinaus bis nach Kärnten [österreichisches Bundesland], Slowenien und Norditalien) und Norden (dem heutigen Bayern, Bundesrepublik Deutschland) begünstigten und nachhaltig festigten.
Der Kitzbühler Raum weist somit im Gegensatz zu den bisherigen arteologischen Grabungen im Nordtiroler Raum die Besonderheit auf, dass es sich hier um strukturell anders entwickelte Ausformungen der indigenen Entwicklung handelt, wobei jedoch prinzipiell die Zugehörigkeit zum inneralpinen Besiedelungstypus ausser Frage steht. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Tatsache, dass bei den bisherigen arteologischen Ausgrabungen die jeweiligen Siedlungsgebiete überwiegend als transales Durchzugsgebiet zu definieren sind, während hier im Kitzbüheler Raum der insistale Faktor in der Gesamtgenese durchaus deutlich in Erscheinung tritt.
Mit der Fundung in der Gemeinde Kitzbühel konnten einige dieser Fragestellungen beantwortet werden, obgleich die den Umständen bedingte knappe Grabungszeit die Feldforschungen vor Ort einschränkte.
Durch die Besitzverhältnisse des Fundgeländes (ÖBB, Gemeinde Kitzbühel und eine private Erbgemeinschaft), insbesondere bedingt durch die wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB), konnte lediglich entlang der östlichen Bahntrasse, und auch hier nur auf einem eingeschränkten Gebiet rund um die Zufallsfundung bei den Bauarbeiten, eine entsprechende arteologische Grabung durchgeführt werden. Weitere Sondierungsgrabungen waren ausschliesslich an vorab zu vereinbarenden punktuellen Plätzen möglich und erbrachten keinerlei zusätzliche arteologisch verwertbare Ergebnisse.
Die Ergebnisse der Vor-Ort-Untersuchungen im Jahr 2001 dienten als Grundlage für den Nutzungsvertrag der grabungsrechtlich der Expedition von 2003 zu Grunde liegt. Am dritten Juli wurde das Grabungsgebiet eingemessen und unter der Leitung von Mag. Peter Stolz provisorisch abgesperrt und markiert. In den folgenden acht Tagen konnte die komplette Expeditionsinfrastruktur installiert und in Betrieb gesetzt werden.