Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 14

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 14

Prinzipiell sind es sowohl Archäologen als auch Arteologen gewohnt ihre Forschungsarbeiten vor Ort unter Zeitdruck durchzuführen, da die meisten Zufallsfunde im Zuge von Bautätigkeiten, bzw. Fundamentierungsarbeiten getätigt werden. Es zeigt sich dabei von unschätzbarem Wert, wenn für derartige Situationen eine gesetzliche Handhabe zur Verfügung steht, die in einem gewissen Grad die – durchaus verständlichen – ökonomischen Interessen der Bauherren beschränkt. Gleichwohl lastet in einem derartigen Interessenskonflikt eine grosse Verantwortlichkeit auf den Schultern der leitenden wissenschaftlichen Organe. Oft gilt es dabei eine rasche und meist auch leider grobe Abwägung der verschiedenen Wertigkeiten der jeweiligen Funde und Fundabschnitte zu bestimmen, um wenigstens die wichtigsten und wertvollsten Fundstücke entsprechend bergen bzw. zumindest fotografisch und mittels Gipsabdruck für die Nachwelt erhalten zu können. Gerade bei Überresten von Bauten und Urnen bzw. Gräberfeldern ist in derartigen Situationen eine Bewahrung ad loco nur selten möglich. Die Verbringung der Funde in museale Depots stellt zwar eine praktikable Lösung dar, gilt in arteologischer Hinsicht jedoch nur als schadensbegrenzende Möglichkeit. u-bahn athen, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologieSo wurden etwa beim Bau der Athener U-Bahn in mehreren Stationen Grabungsabschnitte ausstellungstauglich präpariert, unter Glas gesetzt und in die jeweilige Architektur der Metrostationen mit eingebunden. Des Weiteren wurde an mehreren Wänden grossformatige Grabungsquerschnitte eins zu eins als permanente Schautafeln installiert, um dergestalt der interessierten Öffentlichkeit die Bedeutung dieser historischen Plätze näher zu bringen.

Dennoch stellen derartige Massnahmen lediglich einen – wenn auch oftmals notwendigen – Kompromiss in der archäologischen und arteologischen Arbeit dar.

Für die Grabungsstelle Kitzbuehel kam zudem erschwerend die laufende mechanische Beeinträchtigung durch die regelmässig vorbeirollenden Züge hinzu, deren insgesamtes Ausmass erst wärend der laufenden Grabungsarbeiten mehr als deutlich wurde: Die ständigen Erschütterungen beeinträchtigten nicht nur die Festigkeit der Grabenwände – so kam es in den nicht vollständig abgepölzten Bereichen ständig zu kleineren und grösseren Verbrüchen – sondern belasteten mit zunehmender Dauer auch die Pölzungen als solche. Sowohl die Querverstrebungen, die grösstenteils mit geklemmten Kanthölzern ausgeführt wurden, als auch die Schalbretter selbst reagierten mit dem schotterigen Erdreich aufs heftigste und verloren durch die Erschütterungen der vorbeifahrenden Züge ihre stabilisierende Funktion und stürzten immer wieder abschnittsweise ein. Durch Intervention bei den ÖBB konnte zumindest erreicht werden, dass die Durchfahrgeschwindigkeit der Zuggarnituren auf Bahnbaustellenniveau gesenkt wurde und die dadurch bedingten Erschütterungen um mehr als die Hälfte zurück gingen.

Dennoch mussten sämtliche Gräben ab einer Tiefe von 80 cm neu verschalt werden. Das dafür notwendige Know-how und die erforderlichen Materialien stellte einmal mehr die „Lawinen und Wildbachverbauung des Landes Tirol“ zur Verfügung. Diese infrastrukturellen Sanierungsarbeiten dauerten inklusive Vorabplanung und Gestellung 10 Tage, in denen keinerlei neue Grabungstätigkeiten durchgeführt werden konnten. Das Team um Dr. Arkadasch Dag nutzte diese Zeit um das bisherige Aushubmaterial zur Gänze im Tocken- und Sickersiebverfahren durchzuarbeiten und die erforderlichen Dokumentationen und administrativen Tätigkeiten insgesamt tagfertig zu erstellen.

Mit 11. August wurden die Grabungsarbeiten wiederum an allen Grabungsstellen aufgenommen und fortgesetzt, wobei sich die Erstfundstelle vom Jahr 2001 als tatsächlich ergiebig zeigte. Bereits am 13. August wurden in einer lehmartigen Einschiebung, in einer Tiefe von lediglich 45 cm, die Überreste einer Kultnische freigelegt, die in weiterer Folge neben Keramikscherben auch ein metallenes Cult-Object beinhaltete.