Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 15
Nach all den vorangegangenen Schwierigkeiten und Problemen – angefangen von der Verunfallung eines Arbeiters bis hin zu den zusätzlichen Pölzungen (sogar in einem zweiten, verstärkten Ausmass) kam diese Fundung zu einem Zeitpunkt, an dem die insgesamte Moral der beteiligten einheimischen Kräfte (sowohl der direkt an den Grabungen beteiligten eingebornenen Hilfskräfte, als auch der lokalen Presse und Administration) in eine reine Form einer Duldung ohne persönliches Engagement überzugehen drohte. Derartige Situationen treten bei Expeditionen immer wieder auf, insbesondere dann, wenn das leitende Interesse und die wissenschaftliche Arbeit in der vollständigen Verantwortlichkeit von nicht demselben Kulturkreis angehörenden Personen wahrgenommen werden. Selbst wenn heutzutage mit den Ressentiments vorhergegangener Jahrhunderte aufgeräumt wurde – zumindest ansatzweise in der wissenschaftliche Gemeinde – so besteht dennoch an den meisten Orten eine grundlegende Skepsis der eingeborenen Bevölkerung gegenüber jedweder arteologischen und / oder archäologischen Untersuchungsabsicht, die nicht originär den Interessen der eigenen Sozietät entsprechen, sondern vielmehr eine ergebnisoffene Aufnahme und Analyse der jeweilig entdeckten Fakten darstellt. Auch wenn sich gerade der inneralpine Raum als Gesamtheit und hier wieder ganz besonders die Region Nordtirol mit allen ihren Seitentälern und dem Inntal als Hauptsiedlungsgebiet seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Musterbeispiel einer zweisaisonaligen Tourismusbewirtschaftung entwickelt hat, lässt sich daraus weder folgerichtig noch logisch zwingend eine geistige Entwicklung hin zu einer generellen Weltoffenheit ableiten. Vielmehr hat sich bei allen bisherigen Ausgrabungen in Nordtirol gezeigt, dass reziprok zum erstarkenden Tourismus und den damit einhergehenden Beeinflussungen durch andere Völker und Kulturen eine grundlegende chauvinistische Haltung in grossen Teilen der Bevölkerung breitgemacht hat, die zwar nach aussen hin dem Fremden freundlich und zuvorkommend erscheint, jedoch lediglich so lange vorherrscht, als dass sich das daraus ergebende merkantile Verhältnis klar zum Vorteil der jeweils einheimischen beteiligten generiert. So gelten selbst Personen die bereits in zweiter Generation in Nordtirol leben und des gutturalen jeweiligen Dialekts perfekt mächtig sind, weder als Einheimische noch als Eingeborenen, sondern werden weiterhin mit dem Stigmata des Andersseins, der Fremdartigkeit belegt. Dies vermag auch nicht die Tatsache zu ändern, dass insbesondere weibliche Personen, soferne sie in die matrimonialen Traditionen und Sitten passen, immer wieder von eingeborenen Männern geehelicht werden, wobei anzumerken bleibt, dass derartige Mischehen sich meist dadurch im gesellschaftlichen Gefüge zusätzlich zu verankern suchen, indem die daraus hervorgehenden Kinder und Enkelkinder zum Einen gerne mit martialisch klingenden, traditionsbehafteten Namen benannt werden und zum Zweiten bereits von Kindesbeinen an angehalten werden, sich in den gemeinschaftlichen Vereinsaktivitäten besonders hervor zu tun.
Erfolg hingegen nötigt den Eingeborenen – wohl wurzelnd in ihrem nach wie vor überwiegend patriarchalischen und autoritätsgläubigen soziokulturellem Umfeld – jene Form von Respekt ab, der sich gegenüber diesen Personen dann gerne oft in einem leicht devoten, wenn auch bauernschlauem Verhalten äussert, welches jedoch in opportunistischer Weise relativ rasch wechselt, sobald sich die Vorzeichen ändern und der Eingeborene sich daraus für sein eigenes Umfeld einen zusätzlichen Vorteil verspricht.
Sehr deutlich zeigt sich dieses Verhalten im Umgang mit nichteinheimischen Arbeitskräften in zahlreichen touristischen Betrieben. Während beispielsweise Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland oftmals geradezu penetrant hofiert werden, erfolgt oftmals die Bezahlung bundesdeutscher Saisonarbeitskräfte unter dem geltenden Kollektivvertrag und sowohl Unterbringung als Verpflegung dieser Arbeitskräfte führt immer wieder zu medialen Skandalen und teilweise halbherzigen, arbeitsrechtlichen Interventionen.