Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 11

Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 11

Die Unterscheidung zwischen tempooriginärem Bruch innert einer arteologischen Epoche (wobei hier auch den sozialen Umwälzungen innerhalb einer bestehenden Gemeinschaft durch Katastrophen, Krieg oder auch durch bewusst gestaltete Renovierungen und/oder Erneuerungen in der Beurteilung von Bruchsituationen ursächlich Rechnung getragen wird) und einer durch spätere Interventionen (klimatische, humanmechanische, erodierende…) erfolgten Zerstörung ist von primärer Bedeutung. Auch wenn hiebei oftmals die Grenzen fliessend erscheinen, so ist dennoch die Zuordenbarkeit von Produktions-, Verwendungs- und/oder Nutzungsparametern, sowie der Zeitpunkt und die eventuelle Kausalität der Zerstörung in einem arteologischen Zeitkataster von grundlegender Priorität. Erst dadurch vermag die arteologische Kontextbefundung die gesamten Daten einer spezifischen Grabung in einen wissenschaftlichen Gesamtfundus zu implementieren und so der arteologischen Zielsetzung zur Verfügung zu stellen.

Es galt daher an der Fundstelle Stubaital zu aller erst die durch die Strassensanierungsarbeiten entdeckten Funde zu sichern und zu bergen und in einem zweiten, möglichst gleichzeitig angesetztem Schritt weitere fundrelevante Bereiche (ADHPs) an dieser Baustelle zu orten und per Parallelgrabungstechnik vorab zu sichten, um so rasch innerhalb des vorgegebenen Zeitfensters (bis in die zweite Hälfte des Oktobers) ein umfassendes arteologisches Bild dieser Grabungstelle zu erhalten. In derartig knapp bemessenen zeitlichen Vorgaben muss – entgegen den üblichen arteologischen als auch archäologischen Abläufen – das Primat der Qualität gegenüber der Quantität zurück stehen, denn nur wenn es gelingt innert kürzester Zeit ein Maximum an Fundstücken zu Tage zu befördern, kann daraus in weiterer Folge argumentativ auf eine Verlängerung der Grabungserlaubnis hingearbeitet werden. Wie sich heraus stellte, war eine derartige Verlängerung an dieser Grabungsstelle nicht notwendig.

keramoider fund, stubaital 1985, parallelsondierung, dr. arkadasch, arteologieEntlang der Grabungsschneise, welche an der Trassierung der Strasse durch einen Bagger vorgenommen wurde, wies Dr. Arkadasch nach der Erstbeurteilung des Geländes unter Berücksichtigung der Lage der Erstfunde dem Grabungsteam umgehend einzelne Bereiche für die Parallelsondierungen zu. Dr. Arkadasch selbst widmete sich der ersten Fundstelle und stiess schon nach wenigen Zentimetern unterhalb der ersten keramoiden Fundstücke auf weitere interessante keramoide Scherben, welche sowohl von ihrer Struktur als auch Oberflächentextur her eindeutig zu den Erstfunden in direktem Bezug standen. Mit der sorgfältigen Bergung dieser Bruchstücke und der in Richtung Grabungsschneise weitergeführten arteologischen Sondierung wurden zahlreiche zusätzliche Scherbstücke gefunden und geborgen und sofort in die Zentrale nach Innsbruck verbracht um dort einer ersten arteologischen Analyse zugeführt zu werden.

Nach der Nummerierung und der sorgsamen Reinigung der Oberfläche sowie der Bruchkanten wurden die Fundstücke formspezifisch zugeordnet um so die ursprüngliche Morphologie nachzuvollziehen und in weiterer Folge den Gebrauchswert und die vermutete Nutzungsverwendung des gefundenen Gegenstands zu verifizieren.

Bei diesem ersten keramoiden Scherbenfund handelt es sich um eine zweiteilige Gefässkombination – wobei es nach wie vor nicht eindeutig belegbar ist, dass beide Teile in einem direkten Verwendungszusammenhang stehen. Die Übereinstimmung in Form und Massgebung impliziert jedoch aus sich heraus einen Zusammenhang der zumindest in ästhetischen Ansätzen nachvollziehbar ist. Beide Teile weisen dieselbe Art von runder Gestaltung auf, wobei hier bereits durchaus der Gebrauch von einer Art Töpferscheibe naheliegt. Auch die ineinander passende Formsprache beider Teile belegt nicht zuletzt auf Grund der vorhandenen handwerklichen Präzession diese Vermutung.