Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 12/3
Die relativ hohe Kunst der keramischen Fertigung dieser beiden zusammengehörenden(?) keramoiden Fundstücke und deren eindeutige Materialzuordenbarkeit in den geographischen raum von Ravenna (Italien) wirft unweigerlich die Frage auf, ob wir es mit diesen Materialfunden lediglich mit einer Verarbeitung von Tonerden vor Ort zu tun haben, welche per Import aus der nachgewiesenen Gegend von Ravenna stammen, oder aber, ob hier bereits ein höherwertiger Austausch von Waren, Gebrauchsgegenständen als auch Luxusgütern im Sinne merkantiler Handelsbeziehungen vorliegt, welcher in weiterer Folge und Vorausgesetztheit eine soziätive Struktur benötigt, deren Gesamtprägung eine klare Trennung in verschiedene Arbeitsteilungen beinhaltet, welche typischerweise charakteristisch sind für den Übergang einer ruralen Gesellschaft zu einer arbeitsteiligen Gemeinschaftsform. Erst mit dieser Abkehr von einer streng bäuerlichen Sozietät (welche gerade in Tirol mit der Verbringung des Nutzviehs auf die sommerlichen Bergweiden noch immer einen Restbezug zum Nomadentum aufweist) hin zu bleibender Sesshaftigkeit und damit verbunden handwerklichen Dienstleistungen und klar verortbaren administrativen und religiösen Strukturen (die sich in ihrer strengen Hierarchie durchaus als überregionale Einheiten darstellen konnten) sind auf Dauer jene Voraussetzungen möglich, welche einen dauerhaften Handel mit Waren und Gütern aller Art auch über die eigenen Grenzen hinweg sichern. Hierbei geht es primär nicht so sehr um die topografischen Hindernisse, welche Berge, Täler und Flüsse darstellen mögen, sondern vielmehr um die gesellschaftlichen Komponenten von gegenseitiger Vertragstreue bis hin zu geschäftlichem Vertrauen und Sicherheit für die fahrenden Händler.
Die bisherigen arteologischen Erkenntnisse legen hier die Schlussfolgerung nahe, dass es sich bei den keramoiden Funden im Stubaital tatsächlich um „Importware“ aus dem Raum von Ravenna (Italien) handelt, welche im Zuge des Warenaustausches über den Brennerpass ihren Weg ins Stubaital gefunden hat. Während nämlich die bisherigen Fundstücke im Inntal und besonders im Wipptal durchaus auf verschiedene handwerkliche Fähigkeiten im originären als auch im plagitiven Sinne hinweisen, fehlen in der Be- und Verarbeitung von keramischen Feingut aller Art die dazugehörenden arteologischen Beweise zur Gänze. Die Anfertigung von einfachen, eher grob gestalteten Gebrauchskeramiken (Teller, Trinkschalen, Krüge udglm.) gilt als erwiesen, lässt gleichzeitig aber keineswegs die – zur Zeit absolut unbelegte – Schlussfolgerung auf ästhetische, keramoide Artefakte zu. Vielmehr muss wohl auch hier im Stubaital das Hauptaugenmerk auf die transistalen Bewegungen von Handelsreisenden, als auch von Gruppen und Clans gelegt werden, welche wohl im überwiegenden Teil per friedlichem Austausch von Gütern als auch durch nachfolgende Niederlassung zu einer Vermischung und/oder Auffrischung der örtlichen Bevölkerungsgruppen, sowohl in ökonomischer als auch sozialer Hinsicht führte.
Bei den zwei keramoiden Fundstücken mag zwar der endgültige Verwendungszweck noch nicht eindeutig zuordenbar sein, so ergeben sich dennoch aus den vorhandenen Kombinationsmöglichkeiten, welche insbesondere durch die Rekonstruktionen von Mag. Peter Stolz ermöglicht wurden, interessante und weiterführende Ansätze, die für die arteologische Kontextbefundung von wesentlicher Bedeutung sind.
Bereits eine Woche nach Beginn der Sicherungs- und Bergungsarbeiten dieser Oberflächenfunde konnten in weiterer Folge zusätzliche Fundstellen lokalisiert und grabungstechnisch betreut werden. Diese Funde runden das arteologische Gesamtbild für die Region Stubaital umfassend wenn auch nicht generell ab, und tragen so wesentlich für ein tieferes Verständnis insgesamt bei.