Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 13
Während es immer wieder bei rein anthropologisch zentrierten Ausgrabungen relativ häufig vorkommt, dass humanoide Funde sich auf wenige einzelne Knochen oder gar Knochenstücke reduzieren (vgl. die Knochenfunde des Arlington Springs Man, welche 1959 auf der Insel Santa Rosa vor Kalifornien gefunden wurden [ca. 13000 Jahre alt]. Bei dieser Grabung wurden 11,4 Meter unter der Oberfläche zwei Oberschenkelknochen, ein Oberarmknochen und ein unidentifizierter Knochen geborgen. Es gab keinerlei Beifunde wie Tierknochen oder Steinwerkzeuge oder sonstige humanoid zuschreibbare Artefakte), so besteht für gewöhnlich bei arteologisch untersuchten Geländeabschnitten ein direkter Zusammenhang zwischen einer nicht nur vorübergehenden Beniederlassung einer regional und meist sogar lokal verortbaren und soziologisch zusammengehörenden Gruppe von Menschen, sowie deren mittelbaren und unmittelbaren Beeinflussung des sie umgebenden Habitats. Meist sind diese Beniederlassungen primär in familienartige Clans gegliedert, wobei hier mit zunehmender Personenanzahl, aber auch ökonomischer Grundprosperität (welche vorwiegend bei nichtnomadischen, dauerhaften Siedlungsstrukturen mit ruraler Grundausrichtung zu finden sind) hierarchische Elemente in beherrschender als auch kultischer Form nachweisbar sind. Dass hiebei in überwiegendem Ausmass Überreste aus Bautätigkeiten das Gros der Fundungen bildet, ergibt sich zum einen aus der generellen Dauerhaftigkeit des verwendeten Materials (unbehauene und behaute Steine, späterhin Ziegelwerk aus ungebranntem oder auch gebrannten Lehmen) und zum anderen aus der notwendigen Bedürfnisbefriedigung jedweder menschlichen Gemeinschaft nach längerfristiger Infrastruktur und Sicherheit (Strassen, Gebäude, Einfriedungen, etc.). Speziell in der Übergangsphase einer Gesellschaft vom Nomadentum (Jäger und Sammler) hin zu einer sesshaften, agrikulturell ausgerichteten Gemeinschaft werden dabei eher architektonisch und planerisch primitive, nichts desto trotz vom Nutzungsgrad her durchaus effiziente Gestaltungsformen die infrastrukturelle Bautechnik bestimmen, die umgekehrt geeignet sind, überkommene nomadische Sitten und Gebräuche integrativ zu prolongieren. Diese Vorgangsweise zeigt sich bisher bei allen drei Ausgrabungen in Nordtirol/Österreich sehr deutlich (vgl. „Ausgrabungsprotokolle Inntal“, „Ausgrabungsprotokolle „Wipptal“ der Habilitationsschrift „Die Arteologie Tirols“ von Dr. Arkadasch Dag, Frei Universität Izmir, 1982 ff) und kann ansatzweise selbst heute noch in der sommerlichen Weidebewirtschaftung von Bergwiesen ökonomisch sowie soziokulturell in den damit verbundenen Traditionen und Gebräuchen schlüssig nachvollzogen werden („Almauftrieb“, Festlichkeiten anlässlich der fussläufigen Rückführung des Viehbestandes von den Bergwiesen in die der Sesshaftikeit zuordenbare Stall- und Hofhaltung in den Tälern).
Die daraus resultierende architektonische Grundtendenz einer nichturbanen Gestaltung richtet sich daher vorwiegend nach agrikulturellen Prämissen und beinhaltet lediglich durch eine späterhin durch relative ökonomische Besicherung der Lebensgrundbedürfnisse erreichte soziale Vergemeinschaftung, eine Erweiterung hin zu vorubanen, infrastrukturellen Ansätzen, die sich mit der Errichtung von eigens dafür konzipierten kultischen und/oder administrativen Bauten manifestieren.
So wurden bisher zwar tempelartige Überreste (meist in Symbiose mit späterhin durch die Christianisierung dieses Gebietes vereinnahmten Kultstätten), sowie der lokalen, patriarchalischen Führungsschicht zuordenbare Herrschaftsgebäudereste entdeckt, jedoch fehlt dabei gänzlich (abgesehen von den Nordtiroler Orten Innsbruck und der mittelalterlichen Kleinstadt Rattenberg) die einer urbanen Charakteristik entsprechende Besicherung mittels Wehrwällen, Pallisaden und/oder Schutzmauern.
Die restnomadischen Gesellschaftsstrukturen mit ihrer überwiegend bäuerlichen Grundausrichtung erfahren ihre Erweiterung im direkten Austausch mit den Handels- und Wanderbewegungen vom nordeuropäischen hin zum südeuropäischen Raum (und vice versa), welcher sich aus der geografischen Lage dieses transistalen Durchzugsgebietes bedingt (Brennerpass).