Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 14

Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 14

Es kann das nächste grössere Seitental in Richtung Westen – das Ötztal – übergangsartig zwar nicht in einer direkten Gebirgspassverbindung erreicht werden, jedoch scheint es möglich zu sein, dass über die mittelgebirgische Verbindung zum Siedlungsraum südwestlich von Innsbruck (Kreith, Mutters, Götzens und Birgitz; wie die Dörfer und Weiler heute heissen), und dann weiter über das „Sellraintal“ eine fussläufige Ausweichroute über das im Ötztal gelegene „Hochjoch“ und/oder „Timmelsjoch“ bestanden haben könnte. Dies belegt auch die zuordenbarkeitliche Nähe der keramoiden Funde zu den keramoiden Funden an der Fundstelle Wipptal – welche sich sowohl in stilistischer als auch verarbeitungstechnischer Weise innert desselben Herstellungsverfahrens befinden. Diese vermeintliche Abgelegenheit der Fundstelle von der natürlich vorgegebenen Hauptverkehrsader über den Brennerpass und das Wipptal wird erst mit der Bezugnahme auf die fussläufige Verbindung zum Ötztal hin verständlich und bezeugt den regelmässigen Austausch von Handelswaren und –gütern zwischen dem nord- und südeuropäischen Raum, wobei die daraus entstandene soziätive Verflechtung (wobei hier bis zum Auftauchen gegenteiliger Funde durchwegs von einer friedlichen bzw. zumindest gewaltfreien symbiotischen Indoktrination ausgegangen werden kann) in eben diesen offensichtlich über weite Gebiete hin verwendeten Materialien und Formgebungen ihren artifiziellen Niederschlag belegt.

karabiner, stubaital 1985, arteologie, dr. arkadaschDennoch beweist gerade das nächste Fundstück an der Fundstelle Stubaital eine durchaus individuelle und vorrangig wohl auch der lokalen Entwicklung der Handwerkskunst entsprechende Eigenständigkeit, speziell im metallverarbeitenden Sektor. Auch wenn hiezu Parallelen am Fundort „Wipptal“ (siehe Ausgrabungsprotokoll „Wipptal“ 15, ff) insbesondere mit den beiden metallenen Miniaturen augenscheinlich sind, so stellt doch die Verarbeitung des Erzes, als auch die Gesamtfunktionalität des Fundstückes insgesamt eine technische Innovation dar, die ohne bisher zuordenbare Beeinflussungen oder Vorbilder von aussen, hierorts eigenständig entwickelt und umgesetzt wurde.

Über die Verwendung dieses „Urkarabiners“ gibt es wohl keinerlei Zweifel. Dass gerade im alpinen Bereich – und hier in einer halbnomadenhaften Gesellschaft, welche viel Zeit und wirtschaftliche Tätigkeiten (meist verbunden mit Viehzucht, Viehtransport und Milchwirtschaft) im gebirgsnahen und hochgebirglichen Umfeld zu bewerkstelligen hat – auf praktische und leicht verwendbare technische Hilfsmittel grösster Wert gelegt wurde, ersieht man sowohl aus der Handlichkeit als auch konsequenten Formgebung dieses Urkarabiners.

Von der Verwendung her eindeutig zum Aufnehmen und Absichern von Seilen und Tauen gedacht und deren daran befestigten Menschen, Tiere und/oder Gegenstände, leitet sich schon vom Namen her „carabin“ (kleines Reittier, etym. Vorkeltisch [?]) der vorgesehene Gebrauch dieses aus lediglich zwei Stücken bestehenden Metallwerkzeugs ab. Wie bahnbrechend diese Erfindung in diesem kleinen Seitental des nordtiroler Alpenraums war und ist, zeigt sich noch heute im vielfältigen, verschiedenen und dennoch leicht dem ursprünglichen Zeck zuordenbaren Gebrauch dieses Ausdrucks: der Karabiner – Handfeuerwaffe (mit ursprünglich durch einen Hacken am Sattel versichertem Halteriemen), der Karabiner als nach wie vor verwendeter Metallbügel für Sicherungsarbeiten mit/bei Seilen bis hin zum Klettern und – was hier in diesem transistalen Kontext etymologisch besonders interessant erscheint, die italienischen „Carabinieri“, einer italienischen Einheit der Exekutive, welche sich heute vornehmlich mit der Sicherung des Starssenverkehrs und derartigem mehr befasst.

Dass mit dieser Erfindung über viele Jahrhunderte hinweg die wirtschaftliche Sicherheit dieses kleinen Tales gesichert wurde, zeigt ganz besonders die gegenwärtige handwerkliche Fertigungssituation im Stubaital. Nach wie vor werden höchstqualitative Werkzeuge – insbesondere für den alpinen Arbeits- aber auch Freizeitbereich – hergestellt (es befindet sich sogar eine eigen berufsbildende Schule mit Internat für junge Burschen in diesem Tälchen), wobei jedoch lediglich auf die jüngere bis jüngste Geschichte traditionell verwiesen wird, der wahre arteologische Ursprung bis dato aber keinerlei Beachtung erfuhr.