Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 2

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 2

Die eher als „abwarten“ zu bezeichnende Haltung der öffentlichen Stellen Nordtirols konterkarierte im Jahre 1985 das allgemeine und auch wissenschaftliche Interesse, welches den arteologischen Funden im Inntal, Wipptal und Stubaital entgegengebracht wurde. Insbesondere das kleine Museum in Matrei am Brenner erfreute sich grosser Beliebtheit bei Einheimischen, Schulklassen diverser Schultypen als auch bei ausländischen Gästen. Im Verein mit den der Öffentlichkeit zugänglichen Teilen der arteologischen Ausgrabungen unterhalb der Gemeinde Schönberg, entwickelte sich hier eine durchaus nachhaltig nutzbare touristische Einrichtung, durch welche gerade das lokale Umland auf Dauer positiv profitieren könnte. Um so schwerer bleibt es nach zu vollziehen, dass diese wirtschaftliche Chance nicht offensiver genutzt wurde, sondern vielmehr den Bemühungen von Einzelpersonen überantwortet wurde, welche zwar akribisch und mit Fleiss die musealen und fundörtlichen Anlagen betreuten, nichts desto trotz aber an der Hürde der Wissenschaftlichkeit, noch dazu dermassen auf sich allein gestellt, scheitern mussten.

Trotz mehrerer Anläufe über direkte Kontakte durch Dr. Arkadasch mit verantwortlichen Politikern in Nordtirol, die Nutzung der internationalen, wissenschaftlichen Vernetzungen und der mehrmaligen Einschaltung des Botschafters der Türkischen Republik in Wien, gelang es nicht für weitere Feldforschungen vor Ort die notwendigen Erlaubnisse zu erhalten.

lechtal, 1992, dr. arkadsch, arteologieEs gilt die Vermutung, dass diese Verweigerung mit der politischen Gesamtsituation in Österreich und Nordtirol in direktem Zusammenhang stand: eine nationalistische, rechte Kleinpartei gewinnt in diesen Jahren zunehmend an Stimmen und Einfluss, wobei der Startschuss für diesen politischen Aufstieg bei einem Parteitag in Innsbruck fiel. Ab diesem Zeitpunkt kam es zu einem schleichenden, wenn auch deutlich merkbaren sozialen Abschottungsprozess innerhalb der österreichischen Bevölkerung, wobei gerade die in den ruralen und/oder bergigen Randgebieten lebenden Gruppen diese Separierung nicht nur duldend übernahmen, sondern aktiv und engagiert unterstützten. Einzig in Wien (Bundeshauptstadt) vermochte sich eine relativ starke Gruppierung gegen diese Tendenz zu stellen, wobei aber auch hier zu vermerken bleibt, dass durch die Abnutzung des täglichen politischen Geschäfts und der medialen Aufmerksamkeit, welche gerade die nationalistische, rechte Kleinpartei nach sich zog, eine generelle Hinwendung zum Law-and-Order Prinzip sowohl in der Gesetzgebung als auch in der Judikatur erfolgte. Am deutlichsten schlug sich diese Haltung in der Asyl-und Arbeitsmarktpolitik Österreichs nieder, hinterliess aber auch mit der schwindenden Offenheit gegenüber Wissenschaft und Kunst ihre nachhaltigen Spuren.

Vor diesem Hintergrund wird klarer, warum gerade die arteologischen Erkenntnisse, welche in weiten Teilen eine grundlegende Neuinterpretation der völkischen Genese der eingeborenen Bevölkerung Tirols nach sich zieht, auf schwindendes Interesse, wenn nicht gar auf offen zur Schau gestellt Ablehnung traf. Zudem nutzen in derartigen Situationen die konservativen Kräfte in Nordtirol immer wieder die Abspaltung Südtirols von Nordtirol, um derart politisches Kleingeld zu produzieren und unreflektierte Ressentiments für alles ausländische, insbesonders aber gegen alles „was aus Italien“ kommt, zu schüren.

Selbst den universitären Instituten in Österreich wurde mit der versteckten Androhung finanzieller Nachteile nahegelegt, von einer Vertiefung der arteologischen Zusammenarbeit mit der Freien Universität Izmir abzusehen.

Es ist einmal mehr dem persönlichen Engagement von Einzelpersonen zu verdanken, dass dennoch die arteologische Arbeit in Nordtirol, wenn auch in einem bescheidenen Rahmen, fortgeführt wurde. Neben den wenigen überzeugten Helfern in Nordtirol war es besonders Dr. Arkadasch, der Jahr für Jahr in seiner Freizeit in den Sommermonaten auf eigene Kosten und Veranlassung die verschiedenen Talschaften entlang der historischen Wanderouten beforschte und dergestalt mit Hartnäckigkeit und Überzeugungskunst die hehre Fackel der Wissenschaft hochhielt.