Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 2
Die von offizieller Seite der nordtiroler politischen Eliten gewählte Vorgangsweise steht mit diesen vorab beschriebenen Beobachtungen in vielleicht unbewusstem, aber dennoch direktem Zusammenhang. Es ist typisch für meinungspartizipative Gemeinschaften die eigene genuine Entwicklung durch eine möglichst breitgefächerte Teilnahme an den jeweiligen Meinungsbildungsprozessen im entsprechend positiven Bild zu wahren und kritische Reflektionen – sofern sie nicht von Haus aus abgelehnt und/oder unterbunden werden – über administrative Mechanismen so weit als möglich mitzubestimmen und /oder formal zu beeinflussen. Dies geschieht in der Praxis meist durch die Einberufung von Ausschüssen, deren von der jeweiligen Administration oder poltischen Herrschaftsschicht ernannten Mitglieder teilweise weder qualitativen noch thematischen Anforderungen entsprechen, jedoch auf Grund ihrer gesellschaftlichen Position eine relevante Gewichtung im Sinne einer entsprechenden veröffentlichbaren Meinung vertreten. Noch deutlicher als im sogenannten wirtschaftlichen Bereich (sh. „Die Bestellung von Aufsichtsratsmitgliedern und/oder Vorstandsmitgliedern bei Kapitalgesellschaften im deutschsprachigen Raum im Hinblick auf ihre ökonomische und wirtschaftsstrategische Relevanz“ von Angela Botsstegl, Uni Innsbruck, 1989) wird diese Vorgangsweise im kulturellen und soziobehaviouristischen Umfeld. Als Beispiel sei hier die typische, landesübliche Sitte erwähnt für Tanzveranstaltungen, welche über dem Niveau einer privaten Feier liegen, eine – meist männliche – Person aus dem Dunstkreis der Macht, Politik oder Wirtschaft zu finden, welche sich mit ihrem Namen bereits am Ankündigungsplakat der Veranstaltung für den „Schutz der Ehre“ dieser Veranstaltung verbürgt. Der Nutzen daraus erscheint ein beiderseitiger zu sein: zum einen wird dadurch die jeweilige Veranstaltung offensichtlich im Bewusstsein der Teilnehmer aufgewertet und andererseits gereicht auch demjenigen, der für diese Ehre verbürgt, diese seine Bereitschaft zu grösserer Anerkennung und Akzeptanz. Interessant ist dabei die von Dr. Gudrun Soyee in ihrer „Untersuchungen zu traditionellen Verhaltensformen bei alpenländisch, gesellschaftlichen Unterhaltungsveranstaltungen (Edition Grauvieh, Luzern, 1995)“ festgestellte Tendenz, dass umgekehrt jedoch weder Alkoholexzesse noch gewalttätige Ausschreitungen, soferne sie bei derartigen Veranstaltungen auftreten, das Image der für die „Ehre“ einstehenden Persönlichkeit tatsächlich zu schädigen vermögen. Es geht dabei, laut Dr. Soyee vielmehr um eine übergeordnete Herrschaftsstruktur, die unter anderem dazu dient, das Kult- und Traditionsverhalten im Gesamtrahmen des jeweiligen gesellschaftlichen Grundkonsenses nachhaltig zu bewahren.
Vor diesem Hintergrund ist auch die offizielle Vertragsgestaltung zur arteologischen Expedition im gemeindegebiet von Kitzbühel zu verstehen, da sich dieser Ort mittlerweile zu einer der angesagtesten Destinationen für Wintersport in Europa entwickelt hat. Es stehen somit nicht nur genuine Fragen der eigenen lokalen Entwicklung im Vordergrund, sondern in einem viel umfassenderen Ausmass die jeweilig möglichen Auswirkungen auf das gegenwärtige Image dieses Ortes. Dass dabei starke wirtschaftliche Interessen unausgesprochen involviert sind, ergibt sich aus der gesamtökonomischen Relevanz, welche der Tourismus insgesamt für diesen ehemals armen Landstrich in den Alpen beinhaltet.
Die detaillierte Verschriftlichung der Expeditionsagende und deren rechtlicher Guss in ein offizielles Vertragswerk, sichert somit neben den wissenschaftlichen Interessen der arteologischen Forschung auch eine Mitsprache und Mitgestaltung der politisch-administrativen Führung vor Ort in Fragen der populärwissenschaftlichen Auswertung und Veröffentlichung von Fundrelevanten Ergebnissen. Es ist dem Engagement und Eunsatz von Mag. Peter Stolz, dem Polyglaciologen dieser Expeditionen, dem Expeditionsarzt Dr. Armin Lengauer und dem Fotografenmeister Herwig Angerer zu verdanken, dass sie als Einheimische es geschaftt haben, dennoch das Primat der Arteologischen Wissenschaft in diesem Vertragswerk deutlich zu manifestieren.
Dieser Exkurs in die logistischen Vorbereitungen dieser Expedition vermittelt einmal mehr in aller Deutlichkeit wie wichtig und grundlegend sich eine umfassende Vorbereitung und Beschäftigung mit den jeweils herrschenden Sitten und Gebräuchen für eine gedeihliche Arbeit vor Ort herausstellt, ohne die es häufig zu vermeidbaren Missverständnissen oder gar Behinderungen und gesellschaftlicher Ablehnung der arteologischen Arbeit kommen kann.