Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 16/2
Beide Cult-Objecte sind streng in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet und ergaben auf den ersten Blick durchaus eine zusammengehörige kultische Darstellung, die auch als erstes unwidersprochen von allen Grabungsbeteiligten als fundierte theoretische Annahme beibehalten wurde. Erst mit der dendrologischen Analyse von Dr. Hansjörg Unterlechner konnte im umgebenden Basisbereich des mit losen, faustgrossen Kieseln ausgebetteten Bodenbereichs der Kultnische ein hölzerner Verbau nachgewiesen werden, der die gesamte Kultnische in zwei gleich grosse Kemenaten unterteilte. Sowohl der Boden als auch die Wände der Kultnische waren somit mit Holz verkleidet, wobei die Analysen vier verschiedene alpine Hölzer in unterschiedlicher Menge vorfanden – und zwar Eiche (Quercus), Vogel-Kirschbaumholz (Prunus avium), Lärche (Larix) und
Zirbe (Pinus cembra). Das Grundgerüst sowie der Bodenbelag bestanden mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Lärchenholz, die Wandvertäfelungen aus Zirbenholz mit intarsisch eingelegten, geometrischen, einfachen Symbolen aus Eichenholz. Die Zwischenwand war durchgehend und ohne Durchlass mittig von Nord-Osten nach Süd-Westen in Riegelbauweise erstellt, wobei das Trägergerüst aus 4,6 cm starken, kern- und astfreien Lärchenkantlingen errichtet wurde. Die Vertäfelung dieser Zwischenwand entsprach qualitativ und materialtechnisch der Verkleidung der Aussenwände.
Die Erstanalyse von Dr. Unterlechner erregte grosses Aufsehen und Widerspruch in expertenkreisen, da vorderhand nicht nachvollziehbar schien, warum ausgerechnet in einem Lehm-Mergel-Gefüge sämtliche sichtbaren Spuren einer derartigen hölzernen Gestaltung nur mehr analytisch und mikroskopisch nachweisbar sein sollten. Die chemische Untersuchung der Lehm-Mergel-Schicht ergab jedoch eine ausserordentlich hohe Konzentration von oxidativen Einschlüssen, die wiederum die Grundannahme estätigen, dass die Versandung und Verlandung dieser Kultnische durch extrem langsam fliessendes Oberflächenwasser erfolgt sein musste, da ansonsten sowohl Lageverschiebungen der Cult-Objecte als auch statische Verändeurngen im Gesteinsaufbau der Trockenmauerung nachweisbar wären. Durch diese extrem langsame Versandung und Verlandung gelangten mit dem Mergel und den Lehmerden zahlreiche organische Substanzen in diese Schichtung, die durch ihre Infiltration eine ansonsten unübliche Gasdruchlässigkeit dieser Lehmschicht bedingten, die somit weder die üblichen Verrottungsprozesse als auch Verwesungsvorgänge hintanhalten konnte. Vielmehr entstand dadurch eine statische Abgeschlossenheit, die über Jahrzehnte jene chemischen Prozesse am Laufen hielt, die erst mit dem endgültigen Aufbrauchen aller organischen Substanzen – und somit auch der verbauten Hölzer – zu einem Ende kam. Die dabei entstehenden Verkieselungen geben unter dem Elektronenmikroskop ein deutliches Bild unterschiedlichster dendronaler Strukturen – im Grossen etwa vergleichbar mit fossilen Versteinerungen – aus denen schlüssig jene Expertise ableitbar ist, die schlussendlich zu jenen klar belegbaren Ergebnissen führte, die Dr. Unterlechner in seinem Artikel „Die dendronale Analyse der Kultnische zu Kitzbuehel – ein Ergebnisbericht“ (Wissenschaftliche Blätter – Nr. 3, 2004; Dendrologisches Institut der Holzakademie Rosenheim, Deutschland) ausführlich darlegt.
Die Kultnische insgesamt besteht aus einem nach oben offenem Quader, wobei durch das Fehlen jeglicher Spuren einer hölzernen Abdeckung davon auszugehen ist, dass diese Kultnische ursprünglich vollkommen frei stand und mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem grösseren umschliessenden Bauwerk überdacht war. Bisher konnten allerdings keinerlei Hinweise auf eine derartige Bausubstanz vor Ort gefunden werden, sodass diese Annahme dezidiert eine reine Theorie darstellt, die sich aber auf Grund der bisherigen Fundungen in Nordtirol als schlüssiges Denkmuster erweist.