Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 16/3
Dass es sich bei dieser Fundung eindeutig um eine kultische Anlage handeln muss, ergibt sich aus dem systemischen Vergleich aller bisherigen Funde von Cult-Objecten im Raum Nordtirol. Die formale Ähnlichkeit, sowohl in Bezug auf die verwendeten Materialien, die Gestaltung und direkte Fundsituation lassen keinerlei Zweifel über die Stringenz der Zuordenbarkeit in den Bereich des Kultischen aufkommen. Die bautechnischen Identitätskriterien verweisen auf die im lokalen Zentralalpenraum ab dem Zeitalter der späten Prae-Arteologischen Zeit bis herauf zur Blüte der Hocharteologischen Zeit typischen Trockenmauerbauweise für kultische Kleinanlagen, wobei durchaus zur Diskussion steht, inwieweit derartige kultische Zentralplätze jeweils in ein grösseres Gesamtgefüge eingebettet sein mögen. Auch wenn die beiden Cult-Objecte in getrennten Kammern aufbewahrt wurden, stehen sie kontextuell fraglos in einem gemeinsamen grösseren Zusammenhang und müssen daher in der arteologischen Betrachtung unter diesem Aspekt mit begutachtet werden.
Interessant erscheint vorweg, dass diese Fundung der beiden Cult-Objecte einmal mehr in aller Deutlichkeit zeigt, dass die einstmals ursprüngliche manipulative Verwendbarkeit dieser Artefakte einer rein symbolischen Bedeutung gewichen ist. Dies belegt auch das Fehlen jeder mechanischen, dauerhaften Gebrauchsspuren, die auf eine speziellen werkzeugähnlichen Einsatzmodus verweisen könnten.
Mit den Keramikscherben, die in ihrer Rekonstruktion eine schlicht geformte, schmucklose krugähnliche Becherform mit Henkel ergeben, wurden insgesamt drei Artefakte in dieser Kultnische vorgefunden:
- Keramikkrug, schmucklos, mit Henkel
- Cult-Object 1, abgelagert in der nord-östlichen Kammer
- Cult-Object 2, abgelagert in der süd-westlichen Kammer
Ad 1.: Beim Keramikkrug handelt es sich um ein 14,7 cm hohes Trinkgefäss mit geraden Wänden und einem kreisrunden Innendurchmesser von 8,6 cm. Die Wandstärke dieses Trinkgefässes bewegt sich zwischen 4,5 mm an der Anschlussstelle zur Bodenplatte und 4,3 mm durchgehend an der nach oben senkrecht strebenden Wandrundung und verjüngt sich am oberen Ende zu einer sanft nach innen abgerundeten Trinkkante. Der Innenbogen des im Schnitt 1,56 cm starken Henkels beträgt 8,95 cm, während der Aussenbogen, gemessen an den Anschlussstellen zum Trinkgefäss, 12,02 cm misst. Die Bodenplatte wurde an den Rändern nach aussen halbrund und ca 1,5 mm überstehend ausgeführt, was optisch zu einer Art Sockelbildung führt, die gleichzeitig dem Trinkgefäss als Ganzes einen stabilen Stand sichert. Im Inneren wurde der Übergang von der Bodenplatte zu den Wänden mit einer Kehlung versehen, welche das Reinigen wesentlich erleichtert. Die Gestaltung weist keinerlei schmuckhafte Ornamentierung auf, im Gegenteil es wurde (bewusst?) auf jede artifizielle Formengebung verzichtet. Es scheinen auch keinerlei Massangaben für Füllhöhen oder symbolhafte sonstige Hinweise auf, die entweder auf den Gestalter oder die Nutzungsabsicht dieses Trinkgefässes hindeuten. Es ist jedoch klar ersichtlich, dass dieses Trinkgefäss mithilfe einer Töpferscheibe erzeugt und auf Grund seiner Einfachheit in einer prae-arbeitsteiligen Produktionsweise wahrscheinlich in Serie gefertigt wurde. Der dabei verwendete Ton stammt, wie die Analysen ergeben haben, aus einem kleinen Abbaugebiet in der Nähe von Kufstein (Tirol, Österreich). Das Trinkgefäss wurde zweimal gebrannt, wobei der zweite Brand als Glasurbrand bei einer Brenntemperatur von 1250 ° Celsius durchgeführt wurde. Es ergeben sich dabei interkristalline glasartige Phasen, die neben einer Selbstglasur eine geschlossene Porosität liefern. Die Oberfläche blieb dabei eher rau und die Grundfarbe des ersten Brandes beleibt dabei erhalten.
Ad 2: Beschreibung von Cult-Object 2. Sowohl Cult-Object 1 und 2 bestehen zur Gänze aus Metall und wurden im Griffstück aus einem einzigen flachen Metallstück herausgearbeitet. Am oberen, sich in Form eines „V“ ausspreizenden Teil ist eine metallene, runde Querstrebe mit einer Gesamtlänge von 90,01 mm, mit einem Durchmesser von 7,86 mm in geschmiedeter Schweisstechnik angebracht. Der – von der mit schriftartigen Symbolen verzierten Vorderansicht aus betrachtet – linke „Arm“ dieser Verstrebung misst 29, 48 mm und der rechte 30, 42 mm. Die Gesamtlänge von 77,80 mm setzt sich aus dem Griffstück und dem Querschnitt der runden Metallstrebe zusammen. Die metallurgische Verbindung wurde über eine Länge von 30,12 mm in Form einer wulstigen, tropfenbildenden Naht ausgeführt und geht in die „V“-förmige Gestaltung des oberen Teils des Griffstücks über. Dabei wurde das Mittelstück dieses „Vs“ ungeschränkt als Flachmetall ausgearbeitet, was zum einen zu grösserer Stabilität bei gleichzeitig geringem Materialaufwand führte und zum anderen den ästhetischen Traditionen der bisher gefundenen Cult-Objecte entspricht. Die untere Spitze des „Vs“ endet bei 50,91 mm, gemessen ab Beginn des Griffstücks, und weist hier eine Taillierung auf, die eine Breite von 10,95 mm misst. 7,21 mm vom Ende des Griffstücks aus gemessen, findet sich eine mittige Bohrung von 5,0 mm, während der Durchmesser dieses als Rundung ausgebildeten Griffendes insgesamt 15,94 mm beträgt. Beide Cult-Objecte weisen eine Gesamthöhe von durchschnittlich 5 mm auf und sind längsgerichtet ungebogen. Sämtliche Kanten wurden entgrätet und abgespant. Zudem zeigen beide Cult–Objecte auf ihrer Vorderseite symbolhafte, schriftzeichenartige Verzierungen, die in ihrer Gestaltung den bisherigen Funden dergestalt gleichen, dass hier von einer bewussten und kultischen Tradition ausgegangen werden kann. Diese Verzierungen erfolgten mittels Ritzungen und einer nachfolgenden Vertiefung durch die Verwendung eines Säurebades mit Essigsäure (vgl. Laboranlyse vom 16. August 1985, Arteologische Zentralstelle Innsbruck, Ausgrabungsprotokoll 16, Grabung Stubaital 1985). Bei beiden Ritzungen handelt es sich um eine ca. 28 mm lange Zeichenreihe, die aus neun Symbolen besteht. Von oben nach unten betrachtet, wiederholt sich dabei Symbol Nummer drei an der sechsten Stelle. Gleichfalls ident sind dabei die beiden letzten Schlusssymbole. Die Leserichtung von oben nach unten erscheint auf Grund der kapitälchenhaften Form des obersten Symbols als schlüssig. Symbol zwei und vier weisen in ihrer Höhe von 6,50 mm das gleiche Mass vor wie Symbol eins. Die Formensprache zeigt dabei keinerlei Entwicklung zu den bisherigen Funden von Cult-Objecten, sondern bleibt in ihrer kantig wirkenden, balkenartigen Formensprache im traditionellen Gepräge des Kultischen verhaftet.