Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 16/4

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 16/4

cult-object, rueckansicht, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologieDie Rückansicht beider Cult-Objecte unterscheidet sich lediglich in kleinen Details der handwerklichen Ausführung der verschmiedeten beiden Teile und deutet darauf hin, dass zwar die Verarbeitung von Flachmetallen einen durchaus arbeitsteiligen und wohl auch durchdachten, in Segmenten aufgegliederten Planungsablauf unterzogen wurde, jedoch weiterführende Produktionsschritte noch immer einem individuellen Verarbeitungsprozess unterworfen waren. Diese Ausformung der alltäglichen Arbeiten und des gesellschaftlich üblichen Handwerks entspricht im Gesamten der sozioökonomischen Struktur des Raumes Kitzbuehel, der überwiegend  – so wie der gesamte nordtiroler Raum – seinen Schwerpunkt in der ruralen Bewirtschaftung fand und lediglich im Rahmen von Zeiten des Nahrungsmittelüberschusses von die Autarkie übersteigendem Nahrungsmittelaustausch geprägt war. Der typische Haushalt zu dieser Zeit war weitestgehend ein sich selbst versorgender, autarker Wirtschaftskörper, von kleinbäuerlicher Struktur mit wenigen grösseren Gehöften uns einer schmalen Elite von Beamten– und Priesterschaft. Innovation im Bereich der Metall- und Keramikverarbeitung ist den transitalen Wanderbewegungen zuzuschreiben, die im Laufe der Jahrhunderte jenes Wissen importierte, aus dem – in den meisten Fällen in einer vereinfachten Formensprache – die Übernahme neuer Techniken und Fertigungsmöglichkeiten erfolgte. Dieser Wissenstransfer erfolgte ursprünglich von Süden her über die Handelsroute über den Gebirgsstock der Hohen Tauern (Salzburg, Österreich) und zeigt sich in deutlichen handwerklichen Einflüssen aus dem italischen Kulturraum. Einhergehend mit den Funden und dem Abbau von Metallen (vorwiegend unter Tag) ist eine deutliche Verfeinerung und Verbesserung der Metallverarbeitung feststellbar, wie sie auch in den beiden Verschmiedungen an den Cult-Objecten nachvollziehbar wird. Als Folge dieser Entwicklungen kam es zu verstärkten Tausch- und Handelsbeziehungen, die letztendlich zu einem regelmässigen Warenaustausch mit dem süddeutschen Raum bis in den heutigen Süden Italiens führten und aus der Siedlung Kitzbuehel eine im weiteren Sinne durchaus städtische und dauerhafte Niederlassung  und so zum soziokulturellen und administrativen Zentrum dieser Region formten.

Dieser Entwicklung entspricht einerseits die formale Änderung der CultObjecte – die nun bar jeglicher werkzeugähnlicher Verwendbarkeit sind – andererseits aber auch die grundlegende Beibehaltung der traditionell prolongierten Gestaltung, wie sie aus der generellen Formgebung der CultObjecte – und dies nicht nur im Vergleich zu den bisherigen, entsprechenden Fundungen in Nordtirol – ablesbar ist. So ist sowohl das verwendete Flachmetallstück in Stärke und Form bezüglich des Griffstücks eine nahezu bildgenaue Weiterführung der bisherigen entsprechenden Fundungen, sondern auch die schriftartigen Symbole, die auf beiden Cult-Objecten die hier in Kitzbuehel ausgegraben wurden, sind nahezu vollkommen ident mit allen bisher vorgefunden Ritzungen an den Griffstücken.

Daraus ergibt sich zum einen eine fortlaufende kultische Tradition, die sowohl im Bereich des Kultus selbst als auch in seinen spirituellen Aspekten manifest wird, als auch jene äusserst statisch wirkende soziokulturelle Disposition wie sie noch heute in Tirol überwiegend typisch ist. So sind weder in der architektonischen Anlage der Kultnische noch bei den dafür verwendeten Materialien irgendwelche Neuerungen oder Entwicklungen feststellbar, vielmehr ist von einem bewussten Festhalten an tradierten Normen auszugehen, die ein generelles Spezifikum der jeweils herrschenden religiösen Elite darstellt.

Auf Grund der grossen Ähnlichkeiten aller bisher im Raum Nordtirol vorgefundenen Cult-Objecte kann davon ausgegangen werden, dass dieser Kult auf keinen Fall lediglich eine solitäre Erscheinung, lokal begrenzter Talschaften war, sondern Schritt für Schritt zu einer ersten gemeinschaftlichen Ausdrucksform des nordtiroler Raums sich heranbildete.