Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 18

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 18

grabungsstelle bildstock, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologieDiese Form eines Wegkreuzes erinnert in seiner Ausgestaltung vom architektonischen her an die meist gemauerten Bildstöcke, wie sie im gesamten Alpenraum immer wieder vorfindbar sind (vgl. dazu: Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 14/3). Während jedoch bei den meisten Bildstöcken eine vierseitige, bzw. mehrseitige Darstellung des jeweiligen kultischen Themas vorherrscht, entspricht das Wegkreuz generell der singulären, bildhaften Gestaltung und dient oftmals der Erinnerung an verunfallte oder verunglückte Angehörige. Zudem wird das Wegkreuz im Normalfall in unmittelbarer Nähe des Ortes des tragischen Vorkommnisses aufgestellt, während die Bildstöcke meist an geografischen Wegkreuzungen und/oder mystisch, kultischen Plätzen errichtet wurden. Im Gegensatz zu den Bildstöcken die in ihrer bildnerischen Darstellung zumeist votivhaften Charakter aufweisen, wird bei den Wegkreuzen – soferne sie der Erinnerung an Personen dienen, vor allem in neuerer Zeit vorwiegend auf Fotografien zurückgegriffen, die ein natürliches Abbild der zu erinnernden Person widerspiegeln. Gemeinsam ist beiden Formen die Anlehnung an den nischenartigen Gestaltungscharakter, wie er typischerweise immer wieder bei der Freilegung des unmittelbaren Umfeldes von Cult-Objecten vorgefunden wurde. Die dazu notwendige Minimierung des architektonischen Konzepts führte zu einer perspektivischen Verkürzung der jeweiligen Linienführungen und zu einer teilweise symbolhaften Applikation von bautechnischen Elementen, die auf den ersten Blick häufig ornamental anmuten. So wird etwa das giebelartige Dach in seiner Tiefe entsprechend dem dreidimensionalen Charakter des Wegkreuzes insgesamt angepasst, während die vorderen, eine Art Windlade (Windschutz) bildenden, senkrecht angebrachten Bretter in kunsthandwerklicher Form verziert oder gar beschnitzt werden, so wie sie häufig bei Giebeldächern im gesamten Alpenraum anzutreffen sind. Gleichzeitig vermittelt diese formale Gestaltung eine optische Tiefenwirkung, die den Blick des Betrachters auf das Innere der darunter ausgebildeten Nische lenkt. Im bildnerischen Schwerpunkt wird dabei entweder ein korpusloses Kruzifix angebracht, oder auch eine Darstellung des gekreuzigten Jesus, oder aber, so wie bei diesem Wegkreuz das Bildnis des zu erinnernden Menschen. Die Gesamthöhe entspricht dabei bei frei aufgestellten Wegkreuzen in etwa der Körpergrösse eines ausgewachsenen Mannes, während bei Gedenknischen in Wäldern oder auch in verbauten Gebieten, diese auch gerne etwas höher angebracht werden und dergestalt eine gewisse kultische Erhabenheit widergeben. Generell ist dabei festzustellen, dass nahezu sämtliche Bildstöcke und Wegkreuze eine berührende Pflege durch Angehörige und, vor allem bei älteren Objekten, freiwillige Helfer erfahren, die nicht nur auf den Erhalt der jeweiligen Bildstöcke und Wegkreuze gerichtet ist, sondern auch renovatorische und instandhalterische Arbeiten unentgeltlich umfasst. Diese meist wie selbstverständlich übernommenen Tätigkeiten zeigen die oftmals tief verwurzelte kultische Alltagsbezogenheit der alpinen, eingeborenen Bevölkerung, die in ihrer Entstehung weit über die religiösen Formalismen einer christlichen Religiosität hinaus gehen.

In abgewandelter Form sind derartige Darstellungen und Erinnerungsorte insbesondere in den mediterranen Ländern zu finden (vgl. die metallenen, laternenartigen Erinnerungsstätten an den griechischen Strassenrändern), aber auch an vielen Stellen an südamerikanischen Verkehrswegen.

Die kleingestaltige Ausarbeitung erinnert dabei frappant an die jeweiligen Gebetsnischen, wie sie bereits bei etruskischen und später auch römischen Haushalten (Penaten) vorfindbar sind.