Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 20

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 20

Die Untersuchung von kultischen Plätzen bietet daher generell gesehen meist einen direkten Zugang zur arteologischen Gesamtinterpretation einer spezifischen Sozietät. Wobei diesbezüglich streng darauf zu achten ist, dass die wissenschaftliche Arbeit vollkommen unabhängig von der jeweilig vorherrschenden Glaubensrichtung ihre rationellen Begründungen erarbeitet und rein faktenbelegt darlegt. Eine Wertung kann dabei nur insoweit erfolgen, als direkte Auswirkungen auf das jeweilige Alltagsleben in ökonomischer, gesellschaftlicher und administrativer Sicht beweisbar sind. Dieser grundlegende Ansatz impliziert eine vorerst theoriefreie Findung und Sichtung aller verfügbaren Quellen und Artefakte, wobei hier die generelle Schwierigkeit zu berücksichtigen ist, dass neben infrastrukturellen, baulichen Überbleibseln das Gros der Fundungen nachweisbar aus dem kultischen Sektor stammt. Tempelanlagen, Kultstätten aller Art sowie entsprechende Nebenbauten (Wohnungen der jeweiligen Priesterschaft und/oder der herrschenden Eliten) wurden entsprechend den hierarchischen Ordnungen meist mit ungeheurem wirtschaftlichem und baulichem Aufwand gestaltet. Dies diente zum einen der psychologischen Festigung des jeweiligen Herrschaftsanspruches der führenden Eliten und zum zweiten einer plakativen Demonstration der eigenen Stärke und Unvergänglichkeit, da sämtlichen dieser Bauten der bewusst postulierte Anspruch auf „ewige“ Vorherrschaft zugrunde liegt, der zudem mit Hilfe einer mythenschaffenden Historie in den überwiegenden Fällen auf einen göttlichen Auftrag oder gar göttliche Herkunft des entsprechenden Herrscherclans hinweist.kultbauten im alpenraum, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

o steht etwa noch in der kleinsten Siedlung des tiroler Raumes ein Kirchenbau oder zumindest eine Kapelle, die meist reichlich ornamental und klerikal geschmückt die kultische Verbundenheit und das widerspruchslose Primat der Geistlichkeit im Bezug auf das Alltagsleben widerspiegeln. Auch wenn die umgebenden Häuser und Gehöfte bei genauerer Betrachtung das äusserst schwere und entbehrungsreiche Leben der Alpenbewohner deutlich machen (erst ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurden die meisten dieser Siedlungen um Neubauten erweitert, die entsprechend der wirtschaftlichen Prosperität von dieser strukturellen Abhängigkeit losgelöst erscheinen), wurden offenbar keinerlei Kosten und Mühen gescheut um die jeweiligen kultischen Bauten und Gebäude in dauerhafter – und grösstenteils mit reichem kunsthandwerklichem Schmuck versehen – präsentativer Architektur zu errichten. Die Fragwürdigkeit eines derartigen Vorgehens, vor allem unter Berücksichtigung der durchwegs äusserst prekären wirtschaftlichen Überlebensmöglichkeiten des gemeinen Volkes, kann nur im Vergleich mit anderen Völkern und Kulturen in einem gesamthistorischen Konnex beantwortet werden: Mit der Sesshaftigkeit der vormals nomadisierenden Bevölkerung entstand der Anspruch auf Privateigentum, der an allen Orten und in allen Kulturen zur Herausbildung von hierarchischen Strukturen führte die in einem weiteren Schritt aus gleichberechtigten Gruppenmitgliedern zur Unterscheidung zwischen Herrschenden und Untertanen führen musste. Die Wertigkeit des einzelnen bezog sich nicht mehr aus seiner individuellen Existenz, sondern aus dem jeweiligen Besitzstand, der zwar normativ geschützt die jeweilige Lebensgrundlage darstellte, gleichzeitig aber den übergeordneten Interessen der jeweiligen Eliten unterstand. Nur so war es möglich das gemeinsam erwirtschaftete Vermögen in jenem kultisch, präsentativen Bereich zu subsumieren, der gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl stärkte und die Vorherrschaft der Eliten prolongierte. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit mit der Herausbildung einer geburtsabhängigen Vormachtstellung, die nur in den seltensten Fällen durch individuelle Leistung von elitenfernen Personen durchbrochen werden konnte und in nahezu allen europäischen Kulturen vorwiegend patriarchal geprägt war.