Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 21
Aus diesem Ansatz heraus wurde vom Grabungsteam eine systematische Befragung der Kitzbueheler Bevölkerung initiiert. Als Grundlage dienste dabei die örtliche Erinnerungsstätte im unmittelbaren Grenzbereich des Grabungsgeländes. Dieses Miteinbeziehen der Bevölkerung diente neben der arteologischen Zwecksetzung gleichzeitig der Herausbildung eines positiven Vertrauens zur Grabungstätigkeit an diesem speziellen Platz. Es galt dabei mit der erforderlichen Sensibilität zuerst die betroffenen Familien von der Notwendigkeit von systematischen Grabungen an dieser Gedenkstelle zu überzeugen. Dazu arbeitete Mag. Peter Stolz, der Polyglaciologe dieser Expeditionen ein dreidimensionales Modell des Grabungsgeländes aus, welches er mit mehreren Skizzen ergänzte, die in anschaulicher Art und Weise das geplante Vorgehen bei dieser Grabung schrittweise erläuterten. Oberstes Ziel dabei war die Unbeschadetheit und der respektvolle Schutz und Umgang der gegenwärtigen Erinnerungsstele, mit einem gleichzeitigen, permanenten Zugang des pflegenden und betreuenden Personals.
Gerade in familiären Angelegenheiten und schmerzvollen Schicksalsschlägen ist es unabdingbar, die Trauerarbeit und die daraus resultierenden emotionalen Empfindungen der betroffenen Angehörigen und Freunde vorbehaltlos zu respektieren. Eine tiefe Kenntnis der dazugehörenden soziokulturellen und kultisch-ethischen Verhaltensschemata ist dafür unabdingbar. Zweifelsfrei kann und muss hier der rein wissenschaftliche Zugang in den Hintergrund treten, und das Primat der Empathie als tragende Grundlage jedes diesbezüglichen Gesprächs dienen.
Ohne einheimische Kräfte, die nicht nur die Befindlichkeiten der jeweiligen Betroffenen in den erforderlichen Gesamtkontext richtig einzuordnen verstehen, sondern auch die situationsbedingte Sprache des Miteinanders pflegen, können derartige wissenschaftliche Anliegen keinesfalls positiv abgeschlossen werden. Es ist dieser Feinfühligkeit und dem Verständnis von Mag. Peter Stolz zu verdanken, dass es mithilfe seiner Vorbereitungen gelungen ist, in einem würdevollen Miteinander die Grabungserlaubnis im direkten Umfeld der Erinnerungsstele zu erhalten.
Erst mit dieser schriftlich erteilten Erlaubnis wurde in einem ausgewählten Personenkreis die Befragung der Bevölkerung durchgeführt. Das Hauptaugenmerk dabei lag auf der Erfassung und Einordnung von mündlich überlieferten Mythen und Anekdoten die zwar in einem direkten Zusammenhang mit dem Grabungsgelände ganz allgemein standen, jedoch auch die speziellen lokalen Ereignisse erfasste, die teils in Sagen, teils in lokal spezifizierten Märchen ihren Niederschlag fanden.
Die dabei gesammelten Materialien wurden untereinander verglichen und auf Übereinstimmungen überprüft, wobei sich rasch herausstellte, dass bereits mit der Erstfundung im Jahr 2001 (Fundamentreste aus Trockenmauerung) ein sogenannter Hot-Spot entdeckt wurde und damit die bisherigen Arbeiten und Planungen bestärkte. Zudem konnte durch diese Befragungen einmal mehr die örtliche Bevölkerung mit in die arteologischen Arbeiten und Abläufe eingebunden werden. In einer eigens dazu einberufenen Informationsveranstaltung stellten sich Dr. Arkadasch Dag und sein Team den noch offenen Fragen der Bevölkerung. Gleichzeitig wurde dieser Abend dazu verwendet um den interessierten Einheimischen und den lokalen Medienvertretern sowie einer Abordnung des Landes Tirols (Dr. Gerald Reichberger, Leiter der Archäologischen Abteilung samt Mitarbeiterinnen) die bisherigen Funde (Keramiken und die beiden metallenen Cult–Objecte) aus arteologischer Sicht näher zu bringen und – entsprechend einem grösseren Zusammenhang – die bisherigen arteologischen Expeditionen mitsamt ihren wissenschaftlichen Ergebnissen entsprechend dem Anlass vorzustellen.
Gerade bei Forschungsarbeiten, die, so wie hier im Raum Nordtirol, seit über 20 Jahren immer wieder und oftmals bisherige Annahmen verwerfend, zu neuen Erkenntnissen führen, die das Selbstbild einer Gemeinschaft nachhaltig verändern werden, ist es unabdingbar auch in Form von populärwissenschaftlichen Vorträgen die Akzeptanz der Betroffenen insoweit sicher zu stellen, damit die nachfolgenden Arbeiten und weiteren Untersuchungen positiv und zielorientiert weitergeführt werden können.