Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 22

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 22

Fakten die, in einem grösseren Zusammenhang betrachtet, durchaus als logisch und historisch nachvollziehbar erscheinen, werden in kleinvölkischen Gruppierungen lediglich insofern akzeptiert, als sie im Grossen und Ganzen dem Selbstbildnis der eigenen Gesellschaft entsprechen. Die dabei generell angewandte Methode besteht in der jeweiligen Adaption der bereits vorher vorhandenen Mythen und Sagen, sowie in deren Einbindung in die Wunschvorstellung der eigenen Genese. So kann in allen Kulturen auf Entstehungsmythen zur Werdung der Erde (und des Wassers als auch der Luft) und der Erschaffung des Menschen zurückgegriffen werden, die dann in der einen oder anderen Form für die jeweiligen historischen Bedürfnisse – meist rücksichtslos und in willkürlicher Umdeutung bisheriger Fakten – umgedeutet werden. Erst mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte und deren Loslösung von Kulten und jeweiliger Priesterschaft ist es gelungen innerhalb des Gesamtkontextes aus kultureller Beforschung und Anthropologie eine faktenbezogenen Basis zu erstellen, aus welcher die unterschiedlichen Zusammenhänge und gegenseitigen Beeinflussungen schlüssig nachweisbar sind. Gleichwohl gilt es selbstkritisch anzumerken, dass selbst die Wissenschaften nicht über jenes Ausmass an Freiheit in Lehre und Forschung verfügen, welches notwendig erscheint, um den vielschichtigen Indoktrinationen diverser politischer Systeme, Ideologien und Religionsgemeinschaften unbeeinflusst zu widerstehen, wobei hier noch nicht einmal dem jedem Forschen innewohnenden Dilemma der Veränderung des beobachteten Objektes durch die Beobachtung selbst die Aufmerksamkeit zugesprochen wird.

Umso wichtiger ist es, anhand von unbestrittenen Fakten auch gegenüber einer wissenschaftsfernen indigenen Bevölkerung jene Wahrheiten anzusprechen, die in weiterer Folge eventuell sogar zu einer tiefgreifenden Erschütterung des eigenen Selbstbildnisses führen können. Als zielführend hat sich dabei bei den bisherigen Präsentationen der Expeditionsergebnisse der arteologischen Expeditionen der Freien Universität Izmir im Raum Nordtirol erwiesen, vermeintlich ungewohnte oder gar unangenehme Wahrheiten betreffend die Genese der Tiroler Bevölkerung aus einem grösseren Zusammenhang heraus zu argumentieren und dabei in einer Art von vergleichender Darstellung die Gemeinsamkeiten jedes soziokulturellen und kultischen Werdens herauszustellen, sodass weder die transalen noch insistalen Beeinflussungen als lediglich fremdgesteuerte Beeinflussungen wahrgenommen werden, denen das eigene, gruppenspezifische Dasein weitestgehend wehrlos und schicksalhaft ausgeliefert war.

Allein schon mit der Akzeptanz einer zentraleuropäischen Verbundenheit, die auch den nördlichen Teil Italiens, sowie den slawischen Kulturbereich des nördlichen Balkans mit einschliesst, wird vollkommen klar, dass es den originären, im kultischen Sinne „reinen“ Tiroler unmöglich geben kann. Dies belegen neben den neuesten Erkenntnissen dieser arteologischen Expeditonen bereits die bisherigen einschlägigen archäologischen und historischen Forschungen.diözesangrenze, nordtiroler unterland, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

Dennoch- oder trotzdem – lebt der Mythos des freien, unbeugsamen und unabhängigen Volkes in den Alpen weiter: zwar können die Beweise und wissenschaftlichen Erkenntnisse verstandesmässig zur Einsicht in grössere Zusammenhänge führen, es genügt jedoch die Analyse des nach wie vor unverändert praktizierten Brauchtums um festzustellen, wie erschreckend klein in diesen Zusammenhängen die Fackel der Vernunft im emotionalen Bereich leuchtet. Gerade am Beispiel Kitzbuehel zeigt sich dies sehr deutlich: im Laufe der letzten Jahrhunderte (um hier bewusst eine zeitliche Eingrenzung vorzunehmen, da noch ältere Basisvergleiche jedwede wissenschaftliche Diskussion entbehrlich machen) unterstand der Raum Kitzbuehel in grossen Teilen salzburgischen und / oder bayrischen Herrschaftsansprüchen und gehörte so selbstverständlich nicht zum geografischen, ökonomischen, administrativen und kulturellen Bereich Nordtirols. Dies zeigt sich noch heute in der katholischen Grenzziehung der diözesanen Zuteilung: so ist das Tiroler Unterland ab dem Zillertal (das im Tal selbst durch den Lauf der Zillertaler Ache geteilt wird) der Diözese Salzburg zugeteilt und lediglich westlich dieser Grenze gehört Nordtirol zur Diözese Innsbruck.

Trotzdem gilt es als Affront, einem indigenen Bewohner des Raum Kitzbuehels seinen Status als Tiroler abzusprechen.