Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 24

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 24

Dennoch stellt die Besitzfrage für jede aktuelle Fundung eine spezifische Herausforderung dar. Mag zwar in der wissenschaftlichen Gemeinde ausser Streit stehen, dass es sich bei allen mehr als 150 Jahre alten Fundungen um nichtnational deutbare organische Überreste und/oder Artefakte handelt, so zeigt sich ständig aufs neue die jeweilige Tendenz der lokalen eingeborenen Bevölkerungen und deren Administrationen, die eigne Saga oder den eigenen Mythos umgehend durch die jeweilig neuen Ergebnisse bestärken und festigen zu wollen. Selbst in den vermeintlich gebildet erscheinenden Kreisen wird oftmals das Primat der Wissenschaft der jeweilig herrschenden Ideologie nur allzugerne unter geordnet, um die eigene habiturielle und intellektuelle Position der Gemeinschaft mit populärwissenschaftlichen Exzerpten zu stärken. Dass dies ausnahmslos einer nahezu willkürlich erscheinenden Zurechtbiegung von Tatsachen bedarf erschwert jede arteologische Arbeit vor Ort in grossem Ausmass. Es bedarf daher neben der wissenschaftlichen Lauterkeit einer ständigen educativen Begleitung, deren Zielsetzung einzig darauf ausgerichtet ist, die geistige Okupation von Fundungen durch das jeweilige „Volksempfinden“ weitestgehend zu verunmöglichen, und den bildungsmässigen Ansatz über die lokalen Wunschvorstellungen einer ideologisierenden Vereinnahmung in den Gesamtkonnex des arteologischen Ansatzes einzubringen.

Gerade in einer kulturellen, tranistal und insistal äusserst inhomogenen Region, wie sie naturgemäss eine derart gewaltige, einen Kontinent teilende Gebirgslandschaft darstellt, ist das Bestreben nach ideologischer und gesellschaftlicher Identität eine Grundvoraussetzung für eine dauerhafte gemeinschaftliche Ordnung, mit allen dabei zu Tage tretenden Verwerfungen und arttypisch erscheinenden Absonderlichkeiten. Der Raum Nordtirol steht hierbei, im Rahmen sämtlicher, bisheriger arteologischer Expeditionen exemplarisch für sämtliche, ähnlich gelagerte Erscheinungsformen , wie sie in aller Deutlichkeit von Jeremy Straightonsfield in seinen Untersuchungen über das regulative Element der archälogischen Forschungen im Selbstverständnis spezifischer Bevölkerungsgruppen (Universität Manchester, 1994, Scientific Files, Manchester) herausgearbeitet wurden.

Straightonsfield beschreibt dabei, wie etwa im heutigen Weissrussland versucht wird, aus den archäologischen, arteologischen und Geschichtlichen Erkenntnissen eine indigen bedingte Vorherrschaft der eigenen Nation gegenüber den anderen slawischen Staaten und Stämmen abzuleiten und zu begründen, wobei der grundlegende Ansatz dazu lediglich darin beruht, dass der Landstrich Polesien, ein im Süden Weissrusslands gelegenes Gebiet, als mögliche Urheimat der slawischen Völker insgesamt angesehen wird. Die daraus abgeleitete Begründung einer eigenen Sonderstellung beruht dabei auf einer bewussten Ausser-Acht-Lassung sämtlicher historisch belegter Fakten und insbesondere auf einer aktiven Negierung aller transistalen und insistalen Faktoren, die, wie Straightonsfield nachhaltig mittels genetischer Analysen der Bevölkerung belegt jedem Ansatz eines „reinen“ – das heisst unvermischten – „Volkes“ konträr zuwiderläuft.tiroler, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

Dies zeigt sich auch bei den „Tirolern“, die zu keiner Zeit eine in sich homogene und abgeschlossene Volksgruppe bildeten, sondern sämtlich und ausnahmslos aus einer, im Vergleich zu den Nachbarländern sogar überdurchschnittlichen Vermischung verschiedenster Bevölkerungsgruppen hervorgegangen sind. Umso vehementer wurde und wird daher, einerseits entsprechend dem Bedürfnis nach soziokultureller Einheit und andererseits dem Streben nach lokaler Integrität und Sicherheit gehorchend, der Mythos der gesellschaftlichen Besonderheit hochgehalten und teilweise bis ins absurde gesteigert.

Hier die Balance zwischen zumutbarer Wahrheit und möglichem Verständnis aufrecht zu erhalten ist eine schwierige Aufgabenstellung einer jeden arteologischen Expedition, die schon aus ihrem Selbstverständnis heraus unweigerlich zu neuen Erkenntnissen der eigenen Genese führen müssen.