Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 26
Leider ist es hin und wieder unabdingbar notwendig gegenüber den eingeborenen Arbeitskräften, aber auch gegenüber den jeweiligen politischen Eliten vor Ort in klarer Sprache die jeweiligen Kompetenzen zu definieren und – wenn notwendig – auch die jeweiligen Grenzen der, durchaus wünschenswerten, Zusammenarbeit in aller Deutlichkeit aufzuzeigen. Gerade der Verlauf aller bisherigen Expeditionen nach und in Nordtirol hat unmissverständlich aufgezeigt, dass die landläufig vordergründig als charmant zu bezeichnende Kommunikationsgemütlichkeit sich in einer nahezu anbiederischen Art und Weise vor allem dort zeigt, wo sich die eingeborenen Bevölkerung und/oder die jeweiligen Führungskräfte einen merkantilen Vorteil erwarten. Hier wird gern auf scheintraditionelle Gastlichkeit zurückgegriffen, die im wesentlichen aus freigiebig erscheinendem Ausschank von hochprozentigen Alkoholikas besteht, aber, besonders bei summerisch grösser erscheinenden Renditen auch nicht auf den
Einsatz von Schmiergeld und Prostitution verzichtet, wobei insbesondere die herrschenden politischen und wirtschaftlichen Eliten auch nicht davor zurückschrecken mehr oder weniger sanft und deutlich mit allen erdenklichen Mitteln Druck auszuüben um ihren eigenen Interessen den gewünschten Vorteil zu sichern.
Landläufig wird diese Vorgangsweise mit dem bezeichnenden Ausdruck der „Freunderlwirtschaft“ beschrieben, wobei dieser Terminus in seiner eher verharmlosenden Klanglichkeit durchaus darüber hinwegtäuschen soll, dass in weiten Bereichen des öffentlichen Lebens in Nordtirol eine ungeheure Verfilzung und Vernetzung besteht, die nicht nur vom lokalen Unternehmertum regelmässig und wie selbstverständlich benutzt wird, sondern gerade auch in erschreckender Art und Weise im halböffentlichen und öffentlichen Bereich vorzufinden ist.
Das politische Geschehen in Nordtirol, sowohl auf Kleinsiedlungsebene, als auch in Dörfern und Städten kann daher nur mit wesentlichen Einschränkungen als tatsächlich demokratisch bezeichnet werden. Dies wird nicht nur durch das beinahe abstrus erscheinende Verhalten der Nordtiroler Bevölkerung bei sogenannten Wahlgängen belegt (vgl. dazu „Neodespotismus und seine Auswirkungen am Beispiel Nordtirol – Untersuchungen der Wahlergebnisse von 1958 bis 1998“ von Angela Princess [Hsg.], Uni Köln, 2001), sondern auch durch die mehr oder weniger offen zur Schau gestellte Machtkonglomeration von Katholischer Kirche und der seit Jahrzehnten herrschenden konservativen Partei.
Die insgesamt äusserst opportunistisch erscheinende Form der Meinungsbildung wird zudem von nahezu sämtlichen lokalen Medien unterstützt, wobei hier anzuführen ist, dass tatsächlich unabhängig agierender Journalismus weder auf eine erfahrbare und selbständig erarbeitete Tradition zurückblicken, noch sich auf ein grundlegende Bedürfnis breiter Bevölkerungsschichten berufen kann. Das Gros der eingeborenen Bevölkerung scheint derart in einer verselbständigten Form des vorauseilenden Gehorsams verhaftet, dass die wenigen kritischen Stimmen in Nordtirol eher als „Nestbeschmutzer“ gehandhabt, denn als Aufklärer geschätzt werden.
Umso wichtiger war es für diese Expedition unter diesen Umständen einen klaren Trennungsstrich zwischen wissenschaftlicher Notwendigkeit und lokalen Interessen zu ziehen. In aller Deutlichkeit wurde daher von Dr. Arkadasch ein Kommuniqué an alle Medien und politischen Verbände herausgegeben, in welchem die Rahmenbedingungen für eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit auf Punkt und Beistrich dargelegt wurden.
Dass dieses Kommuniqué widerspruchslos angenommen wurde, ist letztendlich wohl dem internationalen Interesse an den wissenschaftlichen Ergebnissen dieser arteologischen Forschungen geschuldet und nicht der, wenn auch wünschenswerten, Einsicht der mit eingebundenen eingeborenen Kräfte vor Ort.