Kitzbühel, Juli - Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 28

Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 28

Dieses schon beinahe überkandidelte Interesse an den humaoniden Funden entspricht in seiner Ausformung dem allgemeinen Hang zu einer konsumistischen Lebensführung, der sich insbesondere in Nordtirol, und hier wieder äusserst stark in den fremdenverkehrspolitischen Zentren, in einer Kultur der nahezu permanenten passiven Bespielung sämtlicher Sinne niederschlägt und zugleich einen extrem merkantil betonten Zugang zu allen Lebensbereichen oktroyiert. Individuelle Bedeutung und Präsenz wird dabei gleichgesetzt mit rastloser Teilnahme an allen nur denkbaren Veranstaltungen und Events, wobei hier generell das ledigliche Dabeisein als solches bereits inhaltlichen Wert zu haben scheint, während tatsächliche, sinnstiftende oder gar bildungsbezogene Ansätze weitestgehend fehlen und auch selten bis nie eingefordert werden. Sehr deutlich veranschaulicht wird dies beim grössten jährlichen Spektakel in Kitzbuehel, um welches sich auch das gesamte Jahr die Vorbereitungen drehen: dem „Hahnenkammrennen“. Es handelt sich hierbei weder um ein animistisches Opfer, bei dem einem maskulinen Geflügel, bzw. dessen sekundärem Geschlechtsmerkmal eine rituelle Bedeutung zukommt, noch um einen traditionellen Wettbewerb von Läufern, deren Siegestrophäe als Überreichung eines Hahnenkamms, oder dessen ritueller und symbolisierter Gestaltungsform, dargestellt wird, vielmehr handelt es sich bei diesem „Hahnenkammrennen“ um nichts weiter als ein Rennen von männlichen Schiläufern, die in möglichst kurzer Zeit einen vorgegebene Streckenabschnitt am Berg „Hahnenkamm“ bewältigen sollen. So wie diesem Spektakel jeder tiefere Sinnansatz oder auch nur ein historischer Bezug fehlen, so fehlt nahezu sämtlichen Veranstaltungen (abgesehen von den wenigen, rein religiösen Festen, die jedoch lediglich in ihren offiziellen Teilen als gut besucht bezeichnet werden können) ein gemeinschaftsfördernder Sinn und Zweck, es sei denn, die plumpe Geschäftemacherei als solche, wird als eigenständige Berechtigung dafür akzeptiert.schirennen, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

Andererseits bedeutet dies, dass auch die oftmals banalsten Dinge nach Möglichkeit derart „aufgeblasen“ werden, um sie einem bereitwilligen Publikum als ideale Freizeitgestaltung verkaufen zu können. Sei dies eben ein Schirennen (wobei es hier lediglich um Geschwindigkeit und keinesfalls um Schönheit oder gar Ästhetik geht), ein Tennisspiel oder ein Platzkonzert der ortsansässigen Musikkapelle. Der Inhalt ist Nebensache, solange dabei ausgiebig und teilweise auch rauschhaft konsumiert werden kann. Magnus Erasmuson spricht in diesem Zusammenhang von der „Event-ualisierung“ der Gesellschaft – und beschreibt dabei den Vorrang des Konsumierens vor jeglicher geistigen Auseinandersetzung, er geht dabei sogar so weit, zu behaupten, dass tatsächliche Inhalte im Grunde genommen als Störung empfunden und daher mittels Ignoranz strikt abgelehnt werden (sh. „Event-ualisierung – oder: Der konsumistische Siegeszug der Ignoranz“, Magnus Erasmuson, Svensonverlag, 2000).

In diesem Kontext wird auch das offensichtlich übersteigerte mediale Interesse am humanoiden Fund vom 28. August 2003 verständlich. Weder kann dieser arteologische Fund auf spektakuläre Beigaben verweisen, noch auf besondere, zumindest bild- und deutungsstarke Grabungselemente wie Mauern, Grabkammern udgl. mehr verweisen, wie sie etwa häufig bei Ausgrabungen im ägyptischen Tal der Könige zu finden sind. Vielmehr ist dieser und auch die meisten anderen arteologischen Funde in Nordtirol von optischer Einfachheit geprägt, die insgesamt dem kulturellen und soziologischen Gesamtbefund des nordtiroler Raums entsprechen.

Somit eine deutliche Grenzziehung zu einem merkantilen und medialen Ausverkauf dieser Fundungen zu manifestieren, entspricht daher der wissenschaftlichen Notwendigkeit und muss auch mit aller Vehemenz gegenüber den lokalen Interessen und Gepflogenheiten vertreten werden. Dies deutlich und nachvollziehbar zu kommunizieren stellte eine der wichtigsten Aufgaben im weiteren Verlauf dieser Ausgrabungen dar.