Kitzbühel, Juli – Oktober 2003, Ausgrabungsprotokoll 29
Die weiteren Ausgrabungstätigkeiten an der Grabungsstelle „Kitzbuehel“ brachten noch einige interessante artifizielle Fragmente ans Tageslicht, die insgesamt das arteologische Bild dieser Grabungsstelle besonders im Bezug auf die soziokulturellen und ökonomischen Zusammenhänge abrundeten. Neben unterschiedlichen Scherbenfunden von Trink- und Essgefässen wurden auch mehrere Alltagsgegenstände für die handwerkliche Verwendung (Überreste von einfachen Keramiktöpfen und Tiegeln in verschiedenen Grössen von Tassenformat bis hin zu Schüsseln mit einem Inhaltsvermögen von bis zu 5,4 Litern) gefunden, die entweder auf Grund ihrer formalen Beschaffenheit den unterschiedlichen Handwerkszweigen zugeordnet werden konnten (krugähnliche Gebilde mit Ausguss, Transportgefässe für Flüssigkeiten mit seitlichen Bohrungen für Henkel aus Leder oder Flechtwerk), oder aber der Bevorratung und / oder der Speisenzubereitung im allgemeinen dienten. Vereinzelte Funde von Werkzeugen und Werkzeugüberresten belegen, dass die Verwendung von Metallen in einer einfachen Gestaltungsform durchaus üblich war, jedoch zeigt kein einziges dieser Fundstücke eine besondere zusätzlliche ästhetische Ausarbeitung, die darauf schliessen liesse, dass die Handwerkskunst im täglichen Leben eine über die formale Notwendigkeit des geplanten Verwendungszwecks hinausgehende, weder von sich aus noch aus traditioneller Formverhaftetheit, als eigenständig zu bezeichnende Formensprache entwickelte. Zwar weist der Grossteil dieser Alltagsgegenstände durchaus saubere und auch in den Details mit hoher Sorgfalt ausgearbeitete Feinheiten auf, doch diese handwerkliche Präzession gilt einzig und allein dem geplanten Verwendungszweck und kann kaum einer ästhetischen Absicht unterstellt werden.
Im Gegensatz dazu stehen die beiden metallenen Cult-Objekte dieser Fundung, die sowohl von ihrer Formgebung als auch Gestaltung keinerlei alltäglichen oder handwerklichen Nutzen bieten.
Auch wenn der Handel in dieser Region des Nordtiroler Raums, besonders seit dem Beginn der Metallverarbeitung und Erzgewinnung einen bedeutenden Stellenwert besass, wie er auch eindrucksvoll in den verschiedenen Einflüssen – besonders im Bereich der kultischen und sittengebundenen Traditionen – nachweisbar ist, so muss dennoch davon ausgegangen werden, dass sich das Gros der sesshaften Bevölkerung überwiegend von Ackerbau und Viehzucht ernährte, wobei besonders in der Viehzucht die in diesem Bereich der Alpen übliche halbnomadische Bewirtschaftung mit sommerlichen Auftrieb des Viehbestandes auf Bergweiden allgemeine Praxis war.
Die Grabungsstelle „Kitzbuehel“ ist im Unterschied zu den bisherigen Grabungsorten in Nordtirol weder direkt an einem wichtigen Knotenpunkt von Wander- oder Handelswegen gelegen, vielmehr handelt es sich bei dieser Grabungsstelle um einen am Rande der damaligen Siedlung gelegenen handwerklichen und wirtschaftlichen Bereich, noch um ein lokal bedeutsames kultisches Zentrum, welches eine, wenn nicht gar die zentrale Aufgabe der Vergemeinschaftung der ansässigen Bevölkerung zu administrieren und zu leiten hatte.
Gleichwohl treten insgesamt klare Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit den bisherigen Funden im Raum Nordtirol auf, die insgesamt darauf hinweisen, dass die ansässige Bevölkerung sowohl in ihrer soziokulturellen Ausformung, als auch in ihrer kultischen Genese keinesfalls als eine in sich geschlossene und somit entwicklungsmässig eigenständige Einheit angesehen werden können. Die ständige Wechselwirkung mit sowohl transitalen als auch insistalen Beeinflussungen erscheint somit manifest.