Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Kitzbühel“

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Kitzbühel“

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Kitzbühel“, Team „Kitzbühel“; Bearbeitungsstatus: November 2003.

 

  1. Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:

 

Die Funde der Grabungsstelle „Kitzbühel“ lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  • Keramiken – Fundung im Bereich der Kultnische
  • Kultnische und metallene Miniaturen – 2 Stück
  • Humanoider Fund
  • Diverse Alltagskeramiken und metallene Gebrauchswerkzeuge

ad 1) Vorweg ist festzuhalten, dass die Grabungsstelle „Kitzbuehel“ im Gegensatz zu den bisherigen arteologischen Ausgrabungen in Nordtirol in deutlichem Ausmass von insistalen Faktoren im Bezug auf die Gesamtgenese dieses soziokulturellen Gefüges bestimmt wird, und sich die Einflüsse von transitalen Elementen überwiegend in reproduktiven und teilweise plagiathaft anmutenden Gestaltungsformen niederschlugen. Dieser Status scheint bedingt durch die geografische Lage zwischen den Haupthandels- und Hauptwanderwegen die das bayrischen Alpenvorland mit der natürlichen Begrenzung durch den südlich gelegenen Alpenhauptkamm verbinden und zeigt sich sowohl in den seit vorarteologischer Zeit bereits entwickelten Handelsbeziehungen bis hin zu den mediterranen Kulturkreisen im Süden und der sogenannten „Bernsteinroute“ in Richtung Norden (Ostsee, Baltikum). Mit dem Abbau und der Verhüttung von Erzen festigte sich die ökonomische Basis bereits in der auslaufenden vorarteologischen Epoche und verschaffte dem Raum Kitzbuehel im Wesentlichen jene soziokulturelle Grundlage, die als Voraussetzung für eine insistal bedingte Entwicklung gelten.grabungsarbeiten, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit bei den vorgefundenen Keramiken – sowohl beim Henkelkrug an der Fundstelle „Kultnische“, als auch bei den weiteren Fundungen von mehreren Alltagsgebrauchsgegenständen aus Tonerden. Während bei allen anderen Fundungen im Raum Nordtirol eine zumindest ansatzweise ästhetische Übernahme von transitalen Beeinflussungen deutlich nachweisbar ist, beschränkt sich dieser Einfluss im Raum Kitzbühel lediglich auf handwerklich, technische Verbesserungen und Verfeinerungen ohne jeden ornamentalen oder gar kunsthandwerklichen Ansatz.

Besonders auffallend ist dies beim Henkelkrug, da dieses Keramikgefäss eindeutig zur rituellen Ausstattung der Kultnische gehört und aufgrund der Materialanalyse von ansässigen Handwerkern erzeugt wurde (die verwendete Tonerde stammt aus einer Tongrube in der Nähe von Kufstein/Nordtirol). Der Henkelkrug besitzt eine glatte Oberfläche und weist keinerlei Verzierungen oder gebrauchshinweisende Symboliken auf, vielmehr spiegelt er in seiner Einfachheit der Formgebung und, wenn auch sehr präzisen, Ausführung eine für die Tiroler Bevölkerung noch heute typische intellektuelle Trägheit wider, die sich vor allem in einer bestimmten Art dumpfer Selbstgefälligkeit zeitweise niederschlägt.

In einem derartigen geistigen Umfeld können dauerhafte Veränderung und eine gesellschaftliche Weiterentwicklung entweder durch eine von den herrschenden Eliten verordnete gemeinschaftliche Anstrengung, oder aber durch transitale Beeinflussungen (durch Okkupation oder über Handel und Gewerbe) erreicht werden, wie sie beispielhaft sehr deutlich in den letzten Jahrzehnten durch den Tourismus hervorgerufen wurden.

ad 2) Die Kultnische wurde eindeutig von orts- und kulturfremden Handwerkern erbaut. Dies zeigt sich eindeutig sowohl in der Gestaltungsform selbst, als auch in den intarsischen Arbeiten, mit denen die Wände der Kultnische ausgeschmückt wurden, da es weder im gesamten Ausgrabungsbereich noch an anderen archäologischen Stätten im Grossraum Kitzbuehel irgendwelche Hinweise auf originär entstandene, gleichwertige Verarbeitungen von Hölzern gibt. Inwieweit die intarsischen Ornamente letztendlich etruskischen Vorbildern entsprechen ist noch nicht abschliessend geklärt, jedoch ist zur Zeit davon auszugehen, dass für dieses kultische Kleinod eindeutig Handwerker und/oder Künstler aus dem nord– bis mittelitalienischen Raum herangezogen wurden, da weder die notwendigen Techniken noch die entsprechenden Gestaltungsformen zum Zeitpunkt der Errichtung von eingeborenen Handwerkern beherrscht wurden.erstanalyse, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

Die Kultnische wurde in ihrer Grundform nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet und weist die bisher einmalige Zweikammerstruktur auf, deren rituelle Zielsetzung sich allerdings bisher noch verschliesst.

Bei den beiden CultObjecten zeigt sich eine gestalterische Weiterentwicklung, verbunden mit einer stringenten Beibehaltung der formalen Ausarbeitung. Sowohl die Gestaltung des Griffstücks, als auch die schriftähnlichen Symbole sind ident mit den bisherigen derartigen Funden im Raum Nordtirol. Allerdings wurde der am oberen Ende des Griffstücks befindliche Querteil nunmehr streng vereinfacht und mittels eines runden Eisenstücks in Form eines „T“ angebracht. Diese Formgebung erscheint sowohl gestalterisch als auch ästhetisch als grobe Vereinfachung der bisherigen Ausführungen, erzeugt aber gleichzeitig eine starke rituelle Symbolwirkung wie man sie insgesamt häufig im kultischen Zeremonialbereich vorfindet.

Keines der beiden CultObjecte weist irgendwelche handwerkliche oder alltägliche Gebrauchs- und Verwendungsspuren auf, es handelt sich somit um reine Symbolträger ohne primäre Nutzungsabsichten.

Auf Grund aller bisherigen Funde von derartigen Cult-Objecten im Raum Nordtirol kann somit eine erste gemeinschaftliche Ausdrucksform im Raum Nordtirol nachgewiesen werden, wobei eindeutig festzuhalten ist, dass dies lediglich mit Hilfe transitaler Einflüsse und mit bewussten Rückgriffen auf auswärtiges Wissen und fremdkulturellen technischen Errungenschaften möglich war.

ad 4) Die weiteren vorgefundenen Keramiken belegen die artifizielle Einfachheit der eingeborenen Fertigungstechniken. Zwar wurde bereits die Töpferscheibe für die Produktion generell verwendet, aber es fehlt jede originäre, schöpferische Individualität in der Ausarbeitung. Dieses uneigenständige, höchstens reproduktiv zu bezeichnende Abarbeiten von vorgegebenen Grundformen in immer gleichen Verarbeitungsmodi muss als spezielles Erkennungsmuster angesehen werden. Dies gilt in gleicher Weise auch für die vorgefundenen metallenen Alltagsgegenstände (Messer, Zangen, Hämmer …). Gleichwohl ist eine opportune Übernahme von äusseren Einflüssen zumindest in assimilierter Form nachweisbar (sh. Ritzungen an den CultObjecten) und zeugt von einer widerstandsarmen Übernahme von fremden Einflüssen, ohne zugleich eigene artifizielle Charakteristika zu setzen.

Diese Anpassungsfähigkeit resultiert aus der Bereitschaft eigene Traditionen und Sitten um des eigenen Vorteils zu ändern oder aufzugeben, garantiert gleichzeitig aber auch das eigene Überleben in wirtschaftlicher und gemeinschaftlicher Hinsicht.

 

  1. Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Kitzbühel“:protokollierung und skizze, kitzbuehel 2003, dr. arkadasch, arteologie

Der humanoide Fund an der Grabungsstelle Kitzbühel stellt insoweit eine Besonderheit dar, als er kontextuell nicht eindeutig in den Bereich des kultischen zuordenbar ist. Es handelt sich beim „Kitzi“ (so sein populärwissenschaftlicher Name, der aber auch bereits in der Fachwelt Einzug gehalten hat) um einen maskulinen, rechten Unterarm, der auf Grund seiner Mumifizierung zu Lebzeiten entweder der rituellen Priesterschaft oder aber der herrschenden politischen Elite zugeordnet werden muss, da derartig aufwändige Mumifizierungs- und/oder Balsamierungstechniken nur herausragenden Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt wurden.

  1. Sowohl der Unterarm als auch die Hand selbst weisen keinerlei Spuren von nachhaltiger körperlicher Arbeit auf. Es wurden weder Schwielen noch Narbengewebe entdeckt, die auf handwerkliche oder landwirtschaftliche Tätigkeiten hinweisen. Besonders die post mortem ausgebildete Geste des Gebens oder Empfangens verweist in ihrer Ausdrucksstärke auf eine bewusste Absichtlichkeit, welche häufig in einer rituellen Konnotation feststellbar ist.
  2. Das für die Mumifizierung angewandte Verfahren und die dafür verwendeten Materialien standen einzig den obersten Vertretern der (spirituellen) Eliten zur Verfügung. Auf Grund der Fundsituation lässt sich jedoch nicht eindeutig belegen, ob diese Mumifizierung ausschliesslich kultisch bedingt war.
  3. Die Analysen dieses humanoiden Fundes haben ergeben, dass es sich bei dieser maskulinen Person eindeutig um eine vor Ort sesshafte Person indogermanischen Typs gehandelt haben muss, allerdings wurden eindeutige genetische Nachweise vorgefunden, dass das weitere familiäre Umfeld dieser Person im ostslawischen Bereich beheimatet war. Es zeigt sich somit, dass sowohl im Hinblick auf die rituellen als auch herrschenden Eliten von keiner originären Bevölkerung ausgegangen werden kann, vielmehr wird einmal mehr deutlich, dass der gesamte tirolerische Raum im Hinblick auf seine soziokulturelle Ausformung einer andauernden transitalen Beeinflussung unterlegen ist. Es kann somit keinesfalls die Tiroler Bevölkerung als ein „Volk“ bezeichnet werden.