Brixental, Mai - Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 8

Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 8

Andererseits erscheint es geradezu erstaunlich wie resistent sich speziell der adoleszente Anteil der eingeborenen Bevölkerung gegenüber tiefergreifenden Veränderungen im Bezug auf Verhalten und Normen zeigt, während gleichwohl im Verhalten nach aussenhin die generellen Moden der jeweiligen kulturellen Strömungen nahezu unreflektiert und unhinterfragt übernommen werden. Dies bezieht sich sowohl auf die Bekleidung, die jeweilige Haartracht, als auch den musikalischen Geschmack. Dennoch und gerade verschanzt sich hinter dieser jugendlich verständlichen Neugier eine tiefgreifende und traditionell verwurzelte charakterliche Statik, die sich besonders deutlich im Vereinswesen der nordtiroler eingeborenen Bevölkerung sehr deutlich zeigt. So mögen etwa junge Frauen durchaus gewagten modischen Experimenten folgen, oder junge Männer teilweise untypischen oder gar schockierenden Extravaganzen in Sprache und Stil verfallen; spätestens jedoch im örtlichen Traditions- oder Sportverein offenbaren sich derartige Verhaltensweisen lediglich als „jugendliche Tollheiten“, die – oftmals still belächelt von der Generation der Grosseltern – umgehend und vollständig jede innere Bedeutung verlieren, sobald sie auch nur in den kleinsten Konflikt mit althergebrachten Traditionen und Sitten geraten. Auf einen aussenstehenden Beobachter mag dieses Verhalten konfus bis sinnlos erscheinen, entbehrt bei genauerer Betrachtung jedoch nicht einer stringenten soziokulturellen Gruppenidentifikation, in der gleichwohl begrenzte Rebellion als auch initialistische Momente des Erwachsenwerdens gemeinsam ihren rituellen Bezug erleben. festzelt, dr. arkadasch, arteologieSo wird etwa bei grösseren Feiern einer Dorfgemeinschaft die entsprechende Festlichkeit meist von einem Verein (Traditions- oder Sportverein) ausgerichtet: dazu wird ein grosses Zelt angemietet um vor den Unbillen der Witterung geschützt zu sein und gleichzeitig einen kathedralen Rahmen zu schaffen, der durch die räumliche Begrenzung die intrinsische Innigkeit des Gemeinwesens verkörpert, sowie durch die strenge Ordnung in Sitzreihen, Bühnenbereich und Vorführungsbereich den hierarchischen Charakter als Ganzes widerspiegelt. Die Feierlichkeiten selbst gliedern sich in den jeweils offiziellen Teil mit Ansprachen und rituellen Kulthandlungen durch die jeweiligen politischen Eliten und der Priesterschaft, und in den inoffiziellen, gemeinschaftlichen Teil mit teilweise simplifizierten Ritualhandlungen und rauscherzeugenden Genussmitteln. Gerade dieser inoffizielle Teil wird vordergründig am meisten geschätzt, da er zu vorgerückter Zeit speziell der adoleszenten eingeborenen Bevölkerung die Möglichkeit zu Rausch, Trance und aktivem Paarungsverhalten bietet. Die dabei verwendete musikalische Begleitung kann durchaus in Anteilen dem westlichen, modernen Musikgeschmack entsprechen, wird aber mit zunehmender Dauer vermehrt durch die sogenannte „volkstümliche“ Musik ersetzt, die in ihrer Melodik und Rhythmik zwar zeitgenössische Anteile enthalten kann, jedoch insgesamt einer tradierten und eher primitiven Grundstruktur entspricht, wobei selbst die oftmals zotenreichen Textpassagen mit deutlich sexuellen Anspielungen bei genauerer Analyse den althergebrachten Vorgaben weitestgehend – wenn auch in einem „modernerem“ Vokabular – vollinhaltlich folgen. Mag die dabei zur Verwendung gelangende Menge an Alkoholika erschreckend hoch erscheinen, so stellt sie im Verein mit Trinkliedern und Trinkspielen vergleichend betrachtet lediglich das tradierte Werkzeug eines bewusst vollführten Rituals zum Erreichen eines gemeinsamen Trancezustandes dar, in dem letztendlich jeder individuelle Anspruch auf Rebellion früher oder später zum Erliegen kommen muss. Der Rausch als solcher erfährt somit seine spirituelle Rechtfertigung, die in weiterer Folge insgesamt das Gemeinschaftsgefühl der eingeborenen Bevölkerung ritualisiert und dauerhaft festigt.