Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 9
Um den jeweilig bestehenden gesellschaftlich manifesten, sozikulturellen Status einer Gemeinschaft zu erkunden ist es unabdingbar nicht nur das nach aussen projizierte Selbstbildnis einer Gesellschaft zu beobachten und zu analysieren, sondern in gleichwertiger Weise auch jene Strukturen und Mechanismen zu erforschen, die aus sich heraus jenes sich selbst zu erfüllen scheinende Konglomerat aus Traditionen, ungeschriebenen Normen und ritualisierten geboten beschreiben. Dies bedingt ein vorurteilsloses Eintauchen in die jeweilige Alltäglichkeit abseits jeder inszenierten Selbstdarstellung und verlangt nach einer passiven Teilhabe an der Lebenswelt der spezifischen Beobachtungsgruppe als solcher. Dennoch muss bewusst bleiben, dass der Beobachtende immer ausserhalb des eigentlichen Geschehens verortet bleibt, um so jene weitestgehende Objektivität zu gewähren, ohne die eine wissenschaftliche Analyse lediglich den Charakter einer literarischen Annäherung erreichen kann.
Teilhabe verlangt somit ein Wahrnehmen des alltäglich Abseitigen, des vermeintlich Normalen und findet somit seinen Schwerpunkt in der Erfassung des Gesamtbildes einer in sich lebendigen und normativ geordneten Gemeinschaft. Es sind daher nicht die offiziellen Darstellungen und jeweiligen wirtschaftlichen Vorgaben, die den soziokulturellen Status einer Gemeinschaft abbilden, sondern die spezifischen Interaktionen innerhalb der Gemeinschaft, sowohl im Hinblick auf Kleingruppen, als auch auf die herrschende Mehrheit und die, in jeder Gesellschaft vorzufindenden Randgruppen.
Derartige Feldforschung schliesst aus arteologischer Sicht die faktuelle Kausalität zwischen ursprünglicher, artefaktorieller Gestehung im Allgemeinen und der sich daraus entwickelten gesamtgesellschaftlichen Ausrichtung, und zwar sowohl im Hinblick auf deren historischen Werdegang als auch im letztendlichen soziokulturellen Status der Gegenwart. Die entsprechende Interpretation der jeweiligen arteologischen Kodes verweist somit in eindeutiger Weise auf die entwicklungsspezifische Genese des eigenen Werdens.
Die fussläufige Erkundung des Brixentales im Jahr 2004 erfolgte unter diesen Zielsetzungen. Ausgehend von der Marktgemeinde Wörgl im Inntal wurde grösstenteils abseits des üblichen Wegenetzes das Gelände dieser Talschaft unter arteologischen Gesichtspunkten einer Vorabanalyse unterzogen. So wurde der erste Streckenabschnitt entlang eines alten Saumpfades begangen: und zwar zuerst, abweichend von der Hauptstrecke entlang der Brixentaler Ache, in Richtung Osten nach Söll, um nach wenigen Kilometern wieder nach Süden über die Gemeinden Itterdörfl und Itter im Raum Hacha auf die Hauptverkehrsrichtung und die Brixentaler Ache zu stossen. Von da führte der Saumpfad teilweise durch eine mittlerweile nicht mehr als Fusspfad erkenntliche Waldstrecke nach Südwesten in den Übergangsbereich zur Widschönau/Niederau um von dort weiter, nach einer scharfen Kehre gegen Norden aus Richtung Hörbrunn zur Siedlung Hopfgarten Markt zu gelangen.
Dieser Streckenabschnitt wurde im Laufe der ersten Woche erkundet und erbrachte neben einer entsprechenden und von den Medien begleiteten Kontaktaufnahme zur eingeborenen Bevölkerung eine durchaus ergiebige Bestandsaufnahme von lokalen, meist oral überlieferten Sagen und Mythen, die sich thematisch nahezu ausschliesslich um die heutige Ruine Engelsberg drehen (sh. Ausgrabungsprotokoll 3; Frau Prof. Dr. Hannelore Volnacek „Die Sagen und Mythen des Brixentals – von ihren narrativen Ursprüngen bis zur Gegenwart“ im Verlag der Universitätsbibliothek Innsbruck)