Inntal, Juni – August 1982, Ausgrabungsprotokoll 8
Es ist der Umsicht des gesamten Teams „Inntal“ zu verdanken, dass trotz dieser widrigen klimatischen Bedingungen die einheimischen Arbeitskräfte weitgehend bei der Arbeit behalten werden konnten, gleichwohl es hin und wieder fast zu meuterhaften und aufrührerischen Situationen kam. Die Männer und Frauen standen stundenlang bis zu den Knien in Brachwasser und Schlamm, die Schaufeln und Krampen verklebten sich mit Lehm und tonernen Mergeln derart, dass sich weder Schaufelblätter noch die Zacken der Krampen von dieser Last durch den sonst üblichen Schwung der Stiele beim aufwerfen des Materials auf die Auswurfhügel befreien konnten. Dazu die stechende Hitze, oder aber der kräftige Regen, gepaart mit Schwärmen von Mücken und selbst wasserbewohnenden Insektentieren.
Hier zeigte sich einmal mehr, wie wichtig das eigene Vorbild ist, wenn es darum geht, Disziplin und Arbeitsmoral intakt zu halten. Weder Dr. Arkadasch Dag persönlich noch irgendein anderes Teammitglied, sei es nun weiblich oder männlich, entzog sich dem direkten Arbeitseinsatz in diesen Momenten einer fragilen sozialen Struktur, sonder jede und jeder einzelne lebte vor, was es heißt für ein gemeinsames Ganzes Verantwortung zu tragen.
So organisierten etwa zwei Teammitglieder zusätzliche Wasserrationen für die Hitzeperioden und zwei der weiblichen Studierenden des Teams „Inntal“ bucken Sesamkekse für die kompletten Grabungs – und Pumpenmannschaften. Auch wenn diese Leckereien von der einheimischen Arbeiterschaft selbst nach anfänglichem Zögern nicht verzehrt wurden – offensichtlich sind die kulturell bedingten olfaktorischen und habituriellen Geschmacksempfindungen derart dominant, dass selbst erwachsene Menschen nur in Ausnahme – bzw. Notsituationen diese als persönliche Hürde empfundene Grenze überschreiten können – so entspannte sich dennoch ganz allgemein die Lage. Mag sein, dass dies auch durch den abendlichen Ausschank von Freibier und der Ausgabe von feinen türkischen Zigaretten beschleunigt wurde.
Auffallend dabei ist und bleibt die Tatsache, dass die einheimische Bevölkerung nur durch strikte Anordnungen und die Androhung von Konsequenzen bereit ist, ihre vertragsmäßig vereinbarte Arbeitsleistung zu erbringen. Wo immer es möglich scheint, neigt die tirolerische Bevölkerung dazu, jammernd anderen die Schuld für eigene Untätigkeit oder gar Versagen zu geben. Lediglich durch beinahe diktatorisch anmutende hierarchische Strukturen scheint die interne Sozialstruktur so halbwegs zu funktionieren. Besitzstände gelten dabei als Wertmassstab der persönlichen Integrität und vermitteln ab einer bestimmten Größe augenscheinlich auch eine generelle Immunität gegenüber einer gerichtlichen Verfolgung jeglicher Art. Die Demokratie kann hier – von außen beobachtet – als reine Staffage bezeichnet werden, welche nur dazu dient zusätzlich die Machtkonstellationen und Verfilzungen aus politischer Nomenklatura und religiöser Führung theaterhaft zu legitimieren.