Brixental, Mai - Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 14

Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 14

cult_objecte, triptychon, brixental, 2007, dr. arkadasch, arteologieMit der Öffnung dieser Gesteinsnische, die sich vom künstlich im Zuge des Strassenbaus aufgeschüttetem Ausweich- bzw. Parkplatz in einer Höhe von 2,34 m oberhalb des Schnittpunkts der Aplanierungskante mit der natürlichen Böschung befindet, wurde sofort die starke gestalterische Ähnlichkeit der Anordnung dieser drei Cult-objecte mit dem im Lechtal vorgefundenen Triptychon augenfällig ( sh. „Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 15/1 bis 15/3“). Sowohl von der in einem gleichseitigen Dreieck ähnelnden Aufstellung der drei Cult-objecte, als auch in ihrem inneren, gestalterischen Zusammenwirken weisen die Gesamtmerkmale sämtlicher formstilistischer Elemente eine deutliche Übereinstimmung mit dem Triptychonfund an der Ausgrabungsstelle im Lechtal auf. Zum einen steht das zentrale Cult-object in beiden Fällen mittig angeordnet und korrespondiert über eine verschneidende Winkelachse mit den beiden anderen, links- und rechtsseitig angeordneten Cult-objecten. Diese Hervorhebung des mittleren Zentralstücks wird durch eine leicht erhöhte Position zusätzlich betont und ergibt insgesamt eine in sich geschlossen wirkende Darstellung einer dreiteiligen Bildhaftigkeit, wie sie immer wieder in unterschiedlichsten kultischen Darstellungen diverser Völkerschaften nicht nur im gesamten eurasischen Bereich vorzufinden ist.

Die granitene Verschlussplatte konnte dem Granitvorkommen am Alpeiner Scharte (2960 m ü. M.), dem hochalpinen Übergang vom Wipptal ins Zillertal, eindeutig zugeordnet werden. Unterhalb dieser Scharte, im Bereich des Südwestgrates des Alpeiner Schartenkopfes befindet sich das grösste und bedeutendste Molybdänvorkommen der Ostalpen, welches bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts abgebaut wurde. Es gilt somit als erwiesen, dass neben dem Austausch von Handelsgütern auch ein montanistischer Erfahrungs- und Materialaustausch zumindest spätestens in der Hocharteologischen Epoche erfolgt ist.

Die Platte selbst wurde in Rechtecksform aus einem einzigen Stein herausgearbeitet, die Kanten sorgsam geglättet und in einen passgenau vorbereiteten Mauereinlass mithilfe eines Mörtelgemisches aus Lehm, Kalk und Potasche eingefügt. Es gibt keinerlei Hinweise, dass diese Verschlussplatte in irgendeiner Art beweglich, bzw. öffen- oder schwenkbar montiert war, vielmehr ist davon auszugehen, dass diese Platte als geplante und beabsichtigte Permanentversiegelung eines rituellen Kultbereichs ausgeführt wurde, vergleichbar mit den späterhin in katholischen Kirchen vorfindbaren Tabernakeln, die unter anderem dazu dienen, spezifische Kult- und Weihegegenstände einerseits zu schützen und andererseits der permanenten Zurschaustellung für die Anhängerschaft in bewusster Weise zu entziehen, um dergestalt den mystischen Aspekt der rituellen Folgehandlungen in dramaturgischer Weise zu unterstützen. Eine klare Unterscheidung stellt die Tatsache dar, dass mit der dauerhaften Anbringung der granitenen Verschlusstafel jedoch keinerlei weitere Zurschaustellungen der rituellen Inhalte mehr möglich waren.

Sowohl die Innenseite als auch die Aussenseite der granitenen Verschlusstafel sind vollkommen glatt und schmucklos, weisen lediglich minimale und mit freiem Auge kaum wahrnehmbare Bearbeitungsspuren auf. Es wurden auch keinerlei spätere mechanische Bearbeitungsspuren – weder kultisch bedingte noch säkular beabsichtigte, wie etwa zerstörerische Handlungen durch archäologische Diebstähle – entdeckt, sodass hier tatsächlich eine vollkommen intakte Kultnische freigelegt wurde, die sowohl in ihrer Gestaltung als auch Ausformung bis auf wenige Anzeichen eines natürlichen Materialverbruchs den ursprünglichen und originären Status widergeben.