Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 15/1
Als Rückseite wird jene Seite der Cult-objecte bezeichnet, die von einem Betrachter, der vor der Kultnische steht, oder sich an dieser vorbei bewegt, abgewendet und daher nicht einsichtig ist. Alle drei Cult-objecte dieses Triptychons zeigen mit ihrer konvexen Griffstückseite nach aussen, während die konkav geformten teile zur rückwärtigen Felswand weisen. Dadurch wird optisch ein nach aussen gerichtetes Bild der drei Cult-objecte vermittelt, stellt somit ein symbolisches Geben dar und kein Nehmen im Sinne eines materiellen Anspruchs. Diese Darstellungsweise wurde bisher bei sämtlichen Fundungen von Cult-objecten dieser Art im Raum Nordtirol vorgefunden. Derartige plastische Wirkungen werden auch heute noch in dieser mittlerweile christianisierten, alpinen Bergregion in lokalen, kleinformatigen Kultplätzen gerne verwendet. Während etwa das Judentum und der Islam eine dreidimensionale Gestaltigkeit, die über das rein ornamentale hinausgeht, vollkommen ablehnen, zeigt das Christentum – in etwa vergleichbar mit den vielgestaltigen Darstellungen unterschiedlichster humaner und animalistischer Götterdarstellungen im Hinduismus und Buddhismus – eine sehr breit gefächerte, teilweise sogar hyperrealistische Darstellung von unterschiedlichen Szenarien menschlicher, tierischer und auch religiös verklärten Thematiken, die über eine reine Abbildung des menschlichen Daseins hinausgehen und den Anspruch auf eine optische Gottesebenbildlichkeit erheben. Selbst stilistische Brüche – so ist etwa die Darstellung Gottes im Christentum sowohl mit Bart, als auch ohne Bart vorzufinden; die verschiedenen Abbilde des Sohnes von Gott, von Jesus Christus, entsprechen weitestgehend den jeweils vorherrschenden Moden und physiognomen Stereotypen der jeweils ausführenden Künstler. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Vielzahl von Heiligen (einer Art von Untergöttern, vergleichbar mit den olympischen Göttern des antiken Griechenlands), sowohl männlicher als auch weiblicher Art, in ihrer Ausgestaltung ganz wesentlich die spezifischen, lokalen Charakteristika ihrer Zeit in Bezug auf Körpersprache, formaler Ausführung und physiognomischer Typologie widerspiegeln. Mit der Oktroyierung der christlichen Religion über die Bewohnerschaft des mitteleuropäischen Alpenraums wurden auch bewusst und in der für jede neue Machtausübung typischen Gründlichkeit sämtliche bestehende Kultplätze assimilativ und / oder okkupativ in den neuen Kult eingefügt und mit entsprechenden kultischen Bauten (in Nordtirol Kapellen und Kirchen in und um die jeweiligen Ansiedelungen) oder miniatürlich, im kleineren Massstab gehaltenen Gedenkstätten („Marterlen“ – wie diese religiös – kultischen, stelenartig errichteten Baulichkeiten an Wegkreuzungen oder sonstigen entsprechenden Plätzen im Volksmund genannt werden) versehen.
Vom Optisch-Gestalterischen her betrachtet, ist festzustellen, dass dabei häufig auf jene althergebrachte, vorchristliche triptychonale Grundform zurückgegriffen wurde, wie sie etwa klar und deutlich bei der Darstellung der Kreuzigungsszene von Jesus Christus am Berg – mit zwei zusätzlich links und rechts von ihm gekreuzigten Personen – zum Tragen kommt. Diese Grundform findet sich auch häufig im Inneren von Kirchen und Kapellen, bei der bildnerisch, künstlerischen Ausgestaltung von Altären. Im Zentrum steht dabei meist ein Votivbild, als thematische und auch erzählerische Kernaussage, die links und rechts entweder durch weitere Tafelbilder (vgl. das „Isenheimer Altarbild“ von Matthias Grünewald, geschaffen von 1506 bis 1515 n. Chr.), oder aber geschnitzte Statuen und Statuetten flankiert werden.