Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 17
Mit den eingeborenen Hilfskräften erfolgt die Kommunikation überwiegend auf Deutsch, während im Expeditionsteam – wie international üblich – grösstenteils in Englisch gesprochen wird, bzw. aufgrund der organisatorischen Struktur Türkisch. Während es durchaus möglich ist einfache Anleitungen, Anordnungen, sowie kurzwortige Ge- und Verbote in Englisch an die eingeborenen Hilfskräfte dergestalt zu erteilen, dass sie auch verstanden und umgesetzt werden können, scheitert der überwiegende Teil der eingeborenen Hilfskräfte bei darüber hinaus reichenden englischsprachigen Kommunikationsformen vollständig, sodass weder von einer einfachen Sinnerfassung oder gar einem rudimentären Textverständnis gesprochen werden kann. Dies erstaunt insofern, als dass gerade der Raum Nordtirol seit nunmehr einem halben Jahrhundert zu einer bedeutenden fremdenverkehrsmässigen Destination aufgestiegen ist, und somit fraglos auf eine funktionierende und auch mehrsprachige Kommunikation mit Gästen und auch Fremdpersonal angewiesen scheint. Zwar kann im Mittelbau der Bildungseinrichtungen auf ein dem europäischen Durchschnitt entsprechendes Angebot an lebenden Sprachen im Unterricht zugegriffen werden, jedoch erfolgt gerade in der Altersstufe der zehn bis 14 Jährigen kein geeigneter Fremdspracherwerb in jenen Schulen, die sich nur mehr mit den bereits zuvor segmentierten lernschwächeren Schülerinnen und Schülern bildungstechnisch beschäftigen.
Es ist verwunderlich, dass in Österreich, einer demokratischen Republik in Zentraleuropa, nach wie vor bereits im Alter von 9 bis 10 Jahren eine rigorose Selektion der Kinder im Bezug auf deren schulische Leistungen erfolgt und das weiterführende Bildungssystem weder genügend Anreize noch Möglichkeiten für eine gezielte Förderung von eventuell brachliegenden oder aber erst zu entwickelnden Fähigkeiten bietet. Die vergleichsweise niedere Akademikerquote Österreichs (die zweitniedrigste in der Europäischen Union) ist eine direkte Folge dieser frühen Separation. Andererseits bietet das Österreichische Bildungssystem eine handwerkliche Ausbildung auf höchstem internationalem Niveau, was sich in qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen niederschlägt, jedoch am Sektor der Allgemeinbildung, insbesondere für leistungsschwächere Schulbesucher, deutliche Mankos im Erwerb von Fremdsprachen sowie sozialen Kulturwerkzeugen (Grundlagen politischen Wissens, Demokratieverständnis, geschichtliche Zusammenhänge etc.) nach zieht.
Punktuell wird zwar durch themenspezifische Schulungen (z.B. fremdsprachliches Vokabular und standardisierte Phrasen in touristischen Einrichtungen) dagegen angearbeitet, doch vermag diese Vorgangsweise die grundlegenden Defizite meist nicht nachhaltig auszugleichen.
In den handwerklichen Hilfsbereichen, in denen überwiegend angelernte Kräfte ohne eigene Fachausbildung tätig sind, schlägt sich dies in oftmals schwierigen Kommunikationsprozessen nieder, da einerseits die lokalen Mentalitäten der Arbeitskräfte zu berücksichtigen sind und andererseits jeder komplexere Arbeitsablauf in überschau- und erlernbare Einzelschritte zerlegt und mit Übungsanleitungen nähergebracht werden muss. Hiezu erschwerend wirkt sich dabei das typische, und nicht nur im Raum Nordtirol anzutreffende Ressentiment gegenüber Führungskräften aus, die nicht aus dem unmittelbaren kulturellen Umfeld der eingeborenen Bevölkerung stammen. Es hat sich daher als sehr vorteilshaft erwiesen, dass sämtliche Schritte, angefangen vom Auswahlverfahren der anzustellenden Hilfskräfte bis hin zur thematischen Schulung der arteologischen Belange, in den bewährten Händen unseres Expeditionsfotografen und Aquarellisten Herrn Herwig Angerer und Mag. Peter Stolz eigenverantwortlich wahrgenommen werden, da sie nicht nur seit der ersten arteologischen Expedition zum erweiterten Team gehören, sondern zudem in Nordtirol geboren und aufgewachsen sind.
