Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 18
Eine wesentliche Planungsvoraussetzung liegt in der notwendigen Recherche der jeweiligen sozialen und politischen Gegebenheiten in den jeweiligen Grabungsgebieten. Dabei ist es wichtig abseits der allgemein bekannten Daten über die jeweilige ethnischen Zusammensetzung, religiöse Gruppierungen und die entsprechende staatsorganisatorische Form auch die spezifischen lokalen Ausprägungen in Sitten, Traditionen und kultischem Verhalten bereits im Vorfeld eingehend zu erkunden um dann im täglichen Umgang mit der jeweilig eingeborenen Bevölkerung vor Ort jene kommunikative Basis herzustellen, die letztendlich mit eine Grundvoraussetzung für ein Gelingen jeglicher wissenschaftlicher Feldarbeit darstellt. Wie gross dabei die Unterschiede bereits in kleinräumigen Siedlungsstrukturen ausfallen können, zeigt sich gerade am Siedlungsraum Nordtirol in aller Deutlichkeit und spiegelt noch heute in anschaulichster Weise die verschiedenen Beeinflussungen und assimilativen Infiltrationen durch die unterschiedlichen transitalen Wanderbewegungen in nahezu allen erforschten Epochen wider. So lassen sich sowohl im linguistischen als auch semiotischen Bereich zahlreiche und eindeutige Belege für derartige Beeinflussungen durch unterschiedliche indogermanische Stämme nachweisen, wobei es gerade im inneralpinen Bereich des Raumes Nordtirols einerseits nach neuesten Forschungen von Sven Rasmuson -Peterson zu zahlreichen Überschneidungen im Sinne einer guturalen Lautverschleppung (Der Sprachinzest oder die guturale Lautverschleppung in den alpinen Tälern des Siedlingsraumes Tirol; Sven Rasmuson-Peterson, Norwegische Akademie der Wissenschaften, 2006)
gekommen ist, die übrigens auch heute noch durch die starken touristischen Wanderbewegungen und eine bisher nicht gekannte individuelle Mobilität nachweislich sich im alltäglichen Sprachverhalten laufend manifestiert, und andererseits führten diese transitalen Beeinflussungen zu lokal scharf abgegrenzten lingualen Enklaven, deren Duktus, Grammatik, Aussprache und vokabulares Gefüge sich bereits vom gesamtsprachlichen Auftreten der nächstgelegenen Siedlung deutlich unterscheidet. Als Beispiel sei hier exemplarisch auf mehrere dörfliche Gemeinden im Ausserfern und im Pitztal verwiesen. Noch wesentlich deutlicher treten diese Unterschiede bei einem direkten linguistischen Vergleich zwischen den einzelnen Talschaften Nordtirols auf, wobei insgesamt eine generelle dreigeteilte dialektale Sprachausformung in Nordtirol vorgegeben ist:
- Das Tiroler Unterinntal von Kufstein (mit dem Raum Kitzbuehel) bis zur Gemeinde Telfs (ca. 33 km westlich von der Landeshauptstadt Innsbruck gelegen). Dieser Landesteil gehört sprachlich gesehen zur oberdeutschen Dialektgruppe.
- Das Tiroler Oberinntal westlich von Telfs mit seinen Seitentälern stellt einen in sich eigenständigen Dialektbereich dar, der linguistisch teilweise als Übergangsbereich zwischen dem bairischen und alemannischen Kontinuum darstellt, mit deutlichen Einflüssen aus dem Rätoromanischen.
- Das Ausserfern, als räumlich relativ abgegrenzter Bereich gehört sprachlich dem allemanischen Einflussbereich an.
Die zudem durch die alpine Topografie bedingte Kleinräumigkeit führte darüber hinaus zu zahlreichen in sich geschlossen wirkenden kulturellen und sozialen Ausformungen, die ihren Niederschlag in ganz spezifischen und nur in dieser Gruppe geltenden Traditonen, Sitten und Wertehaltungen finden, die einerseits der Absicherung nach aussen und andererseits der inneren Festigung der jeweiligen Siedlungsverbände dienen.