Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 19
Jede transitale Wanderbewegung die in weiterer Folge zu einer Niederlassung im Sinne einer dauerhaft angelegten Besiedelung mutiert, muss sich notgedrungen aus dem ursprünglichen Siedlungs- und Habitatsverband herauslösen und aus sich heraus eine gemeinschaftliche Grundlage herausbilden, die es dieser Gruppe ermöglicht, innerhalb eines zu definierenden Rahmens eine eigenständige Bestandsform im neu bezogenen und besiedelten Umfeld zu bilden. Laut den Studien von Dr. Arkadasch Dag erfolgt eine derartige Beniederlassung generell auf zwei Arten:
- Im Falle einer Okkupation (die entweder militärisch, ökonomisch oder aber auf beiden Wegen erfolgt) wird die vorherige Bestandskultur ausgelöscht bzw. derart assimiliert, dass sie lediglich nur mehr in rudimentären Ansätzen nachweisbar und vorhanden ist. In diesem Falle wird innerhalb kurzer Zeit der neue Lebensraum durch die siegreichen Okkupanten sowohl kulturell als auch administrativ derart bewirtschaftet, dass innert weniger Jahrzehnte und Generationen sich diese Überwältigung in verklärender Weise in den Mythen der Genese der eigenen Volkswerdung niederschlägt und dergestalt weitestgehend die Wurzeln der ursprünglich ansässigen Gemeinschaft marginalisiert werden.
- Bei jenen transitalen Beniederlassungen die nicht auf Okkupation beruhen, sondern auf der terrestrischen Übernahme von bisherigem Brachland (wobei kleinräumige lokale territoriale Konflikte durchaus verschiedentlich nachweisbar sind), definiert sich das eigene soziale Grundgefüge erstmals über die migrative Unzulänglichkeit, da innerhalb der Gruppe noch jene Erfahrungswerte weitgehend fehlen, die es ihr ermöglichen über Routinen und tradierte Arbeitsabläufe die klimatischen und dadurch wirtschaftlich bedingten Alltagsabläufe im Hinblick auf die eigenen Humanressourcen schonend und nachhaltig zu bewältigen. Dies führt zu einer enklavischen und gruppendynamischen Abgrenzung zu indigenen Nachbargruppen und fördert das bewusste Festhalten an den eigenen, ursprünglich in einem anderen Lebensumfeld entwickelten Traditionen, Gebräuchen und Sitten.
Gegenwärtig kann dies in aller Deutlichkeit in der Niederlassung Treze Tilias (zu deutsch Dreizehnlinden), die im ausgehenden 19. Jahrhundert von Tiroler Wirtschaftsflüchtlingen im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina gegründet wurde. Dort wird noch immer die Tiroler Tracht getragen, ein Tiroler Dialekt gesprochen und auch die ursprünglichen (somit gegenüber dem ursprünglichen Herkunftsland veralteten und teilweise überholten) Traditionen werden bewusst gelebt. [„Transitale Wanderbewegungen und ihre Auswirkungen im okkupativer und migrativer Subsumation, anhand des Beispiels Treze Tilias (Dreizehnlinden) im brasilianischen Santa Catarina“, Freie Universität Izmir, Arteologisches Institut, Dr. Arkadasch Dag, 1978]
Demzufolge ist aufgrund der neuzeitlichen Mobilität und des daraus entstandenen Tourismus für den Raum Nordtirol eine deutliche Differenz zwischen den urbanen Bereichen im Inntal, und hier besonders in der Landeshauptstadt Innsbruck mit seinem Verwaltungszentrum und seiner Universität, und den ländlichen Siedlungsbereichen feststellbar. Während in den urbanen Zentren durchaus eine den europäischen Standards entsprechende Vielschichtigkeit an kulturellen Ausdrucksformen vorzufinden ist, fehlt eine derartige Offenheit in den ländlichen Gebieten fast vollständig und führt mit zunehmender touristischer Bewirtschaftung zu einer deutlich feststellbaren, enklavistischen Abschottung, die ihren Ausdruck in einem teilweise naiv anmutendem Festhalten an überlieferten Traditionen findet, die oftmals sinnentleert lediglich der Definition des eigenen Status dienen, ohne darüber hinaus eine positive Lebensperspektive zu vermitteln. Fortschritt wird daher lediglich als materielle Besserstellung verstanden und nicht als geistige Entwicklung per se.