Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 20
Gerade in einem derartigen soziokulturellen Umfeld, das zunehmend in seiner eigenen Selbstwahrnehmung zwischen einer positiven Annahme der sich aus den neuen kommunikativen Möglichkeiten ergebenden Chancen und einer rückwärtsgewandten ideologischen Selbstbeschneidung gesplittet wird, erwächst der allgemeinbildenden Aufgabe einer jeden wissenschaftlichen Arbeit eine zusätzliche Bedeutungsdimension, da nur durch eine fundierte und in ihren Aussagen überprüf- und nachvollziehbare Faktenlage jene Grundlagen der betroffenen und/oder involvierten Bevölkerung vor Ort geboten werden können, die es im edukativen und schulsystemischen Bereich ermöglichen, aus den jeweiligen Erkenntnissen die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Dass ein derartiges Angebot von den politischen und ökonomischen Interessen der betroffenen Gemeinschaften gerne instrumentalisiert und den eigenen Zwecken untergeordnet wird, entspricht der bedauernswerten Realität in nahezu allen staatlichen Verbänden, wobei die demokratieferneren Gemeinschaften mehr zu einer ideologischen Usurpation im Gesamtkontext neigen und in wirtschaftsdominierten Gemeinschaften eine vordergründige Vermarktbarkeit der jeweiligen Erkenntnisse den entsprechenden Akzeptanzgrad definiert.
Die Republik Österreich ist von ihrer Staatsform her eine demokratisch strukturierte Gemeinschaft, die in wesentlichen Bereichen dem europäischen Kulturkreis nach der Aufklärung (Frankreich, 1789 n. C.) entspricht. Gleichwohl ist festzuhalten, dass es in Österreich keine nennenswerten eigenen Bestrebungen oder gar revolutionäre Bewegungen gegeben hat, die von sich aus demokratische Strukturen als Ziel ihr Eigen nannten.
In Nordtirol gar gab es die einzige als streng konservativ zu bezeichnende Revolution auf europäischem Boden unter der Führung des Wirtes und Viehhändlers Andreas Hofer im Jahre 1809.
Diese Revolution richtete sich gegen die bairische Herrschaft, die im Zuge der napoleonischen Kriege in Tirol (Gesamttirol bestehend aus Nordtirol, Osttirol und dem heutigen Alto Adige [deutsche Bezeichnung: Südtirol]) konstituiert wurde. Die dabei besonders in den städtischen Bereichen um Innsbruck, Hall in Tirol und dem Inntal von der Bürgerschaft wohlwollend begrüssten Errungenschaften der Französischen Revolution mit ihren Gedanken der Aufklärung, stiessen besonders in den Kreisen der Freien Bauern und des Klerus auf erbitterten Widerstand und führten, unterstützt durch propagandistische Halbwahrheiten zu mehreren bewaffneten Erhebungen gegen die französischen und bairischen Truppen. Letztendlich wurde dieser Widerstand niedergeschlagen und Andreas Hofer 1810 in Mantova (Italien) hingerichtet. Die daraus entstandene Mystifizierung und Glorifizierung kennzeichnet noch heute in nahezu ungebrochener und unhinterfragter Form das Selbstverständnis nicht nur der Tiroler Bevölkerung insgesamt, sondern auch jenes der politischen und administrativen Eliten Tirols.
Vor diesem Hintergrund muss die gesamte Öffentlichkeitsarbeit dieser arteologischen Expeditionen, sowie die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Institutionen vor Ort in Nordtirol betrachtet werden, wobei das Hauptaugenmerk in aller Deutlichkeit und Stringenz auf dem ausser Diskussion stehendem Primat der wissenschaftlich, arteologischen Arbeit zu liegen hat, zudem jedoch der bildungstechnische Anreiz mit dem Anspruch einer selbstreflexiven Akzeptanz für die indigene Bevölkerung keinesfalls ausser Acht gelassen werden darf. Dieser Dualität der arteologischen Zielsetzungen entsprechend Rechnung zu tragen, stellt eine fortlaufende Herausforderung, sowohl in praktischer als auch theoretischer Hinsicht dar.
