Brixental, Mai – Oktober 2007, Ausgrabungsprotokoll 26
Im Vergleich zu den bisherigen arteologischen Ausgrabungen im Raum Nordtirol, war diese Ausgrabung im Brixental bisher von eher unspektakulären Funden begleitet, die auch aufgrund ihrer relativ geringen Anzahl bisher kein schlüssiges Gesamtbild dieser Grabungsstelle zu vermitteln vermochten. Auch wenn als spektakuläres und herausragendes Fundergebnis die Kultnische mit ihrem Triptychon schon alleine durch ihre weitestgehende Unversehrtheit ein verdientes Mass an Beachtung findet, so muss aus arteologischer Sicht dennoch betont werden, dass es insgesamt dem arteologischen Schaffen entspricht, die Weltbezogenheit einer spezifischen Gruppe in ihrem Alltagskonex aus originärer Eigenentwicklung und Beeinflussung durch aussen zu beforschen und einer wissenschaftlichen Analyse zuzuführen. Somit liegt mit ein bewusster Schwerpunkt jeder arteologischen Arbeit in der Entdeckung, Auswertung und kontextuellen Einbindung der artefaktoriellen Lebensumwelt einer territorial begrenzbaren Siedlungseinheit in den jeweiligen grundlegenden Status der entsprechenden entwicklungsgeschichtlichen Genese. Es ist somit diese Begriffsimmanenz des unmittelbaren Lebensbezugs, welche die Arteologie stringent von der Archäologie per se unterscheidet, bzw. es ermöglicht, dass sich beide Forschungsrichtungen wechselseitig ergänzen und inspirieren.
Für die eingeborenen Grabungskräfte, deren Motivation bereits durch die lang anhaltende Regenperiode und den Mangel an Fundungen gelitten hatte, war es somit wichtig, ihnen nach Möglichkeit diese Unterscheidung zu verdeutlichen, aber auch die bisherigen Grabungserfolge aus archäologischer Sicht näher zu bringen, um so diesen Hilfskräften jene Wertigkeit ihrer Arbeit zu vermitteln, die letztendlich für eine gedeihliche Fortführung der arteologischen Untersuchungen von Nöten war und den insgesamten Zusammenhalt aller an dieser Expedition Beteiligten, je nach ihrem bildungsmässigem Standard, weiterhin zu gewährleisten. Schliesslich forderte gerade die Arbeit an der Steilwand, die Ausgesetztheit am Gerüst und die damit verbundene körperliche Anstrengung ein hohes Mass an Konzentration und Einsatz, die trotz des vermeintlichen Misserfolges bei Fundungen ausnahmslos von allen Arbeitskräften abverlangt wurden. Dass nämlich gerade auch die Fundlosigkeit in einem bestimmten Bereich der arteologischen Untersuchungen zu relevanten und belegbaren Fakten führt, steht zwar aus arteologischer Sicht ausser Frage, beinhaltet jedoch für die wenig bis gar nicht einschlägig gebildeten Hilfskräfte auf Dauer ein nicht zu unterschätzendes Motivationsmanko.
Umso erfreulicher war die Tatsache, dass am Vormittag des 2. Septembers, bei der Untersuchung des Basissegments der Steilwand, gut 30 cm eingedeckt von schottrigem Schüttgut infolge der Strassentrassierung und des Ausbaus des Ausweichplatzes, ein humanoider Fund freigelegt werden konnte. Gleichwohl überwog anfangs die Skepsis, ob es sich bei diesem Fund tatsächlich um einen arteologisch relevanten Fund handeln konnte, da einerseits die ungewöhnliche Oberflächennähe des Fundes und andererseits die physiognomische Unversehrtheit dieses Fundes darauf hindeuteten, dass es sich bei diesem Fund um einen relativ jungen humanoiden Überrest handeln musste, der sich chronologisch und humanbiologisch betrachtet nicht in den Gesamtkonex dieser arteologischen Ausgrabung einfügt.