Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Brixental“
Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Brixental“, Team „Brixental“; Bearbeitungsstatus: Mai 2009.
- Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:
Die Funde der Grabungsstelle „Brixental“ lassen sich in vier Kategorien einteilen:
- keramoide Funde
- metallene Miniaturen und Werkzeuge
- besiedelungsrelevante architektonische Fragmente, und:
- humanoide Funde
In den stilistischen Elementen und auch der technischen Ausführung der im Grabungsgebiet Brixental vorgefundenen keramoiden Funde zeigt sich insbesondere in der angewandten Ornamentik als auch in der handwerklichen Ausführung der Gefässwandungen eine entwicklungsspezifische Zweigeteiltheit, die sich im ästhetischen Gestalten in einer insgesamten Verfeinerung der verwendeten Muster, Girlanden und dekorativ eingesetzten Linien darstellt, während gleichzeitig die Wandungen der Gefässe wesentlich dünner, hin zu einer artefaktoriellen Feinheit tendieren, die eindeutig auf eine technische Verbesserung der verwendeten Töpferscheiben zurückführbar ist. Rein händisch sind dergestaltige, in sich nahezu symmetrisch aufgebaute und von einer durchgehenden Dünnwandigkeit geprägte Schalen, Schüsseln und Tassen nicht herstellbar. Vielmehr ist hier bereits von einer gewissen kunsthandwerklichen Produktionstechnik auszugehen, wie sie im Bereich der gesamten europäischen Alpen zu diesem Zeitpunkt lediglich in Norditalien und dem heutigen südöstlichen Frankreich – und auch hier nur punktuell und nicht flächendeckend – nachgewiesen werden konnte. Während aber im Raum Nordtirol einzig hier im Brixental bisher eine lokal existierende Manufaktur gefunden wurde – die Analyse der verwendeten Tonerden belegt deren Herkunft aus dem Raum Fritzens/Inntal (wo auch heute noch Ton- und Lehmvorkommen wirtschaftlich genutzt werden) – ist festzuhalten, dass diese verfeinerten Fertigungstechniken in den oben beschriebenen Gebieten der Alpenregion zwar nicht der Bedarfsbefriedigung der alltäglichen Notwendigkeiten dienten, dennoch aber, wie die allgemeine Verbreitung selbst in den Wohneinheiten der durchschnittlichen Bevölkerung belegt, einen allgemeinem dekorativen und schmückenden Zweck erfüllten. Die Formensprache der technischen und gestalterischen Ausführung der Funde im Brixental belegt eine direkte Verbindung zu den Manufakturen in Norditalien. Aufgrund der geografischen Lage und der seit Jahrhunderten bestehenden Handelswege über den Gebirgszug der Hohen Tauern kann sowohl von einer bewussten Übernahme besagter Fertigungstechniken ausgegangen werden, als auch von einer steten transistalen Beeinflussung, die in der für die eingeborenen Bevölkerung im Raum Nordtirol typischen plagiativen Opportunität sich sukzessive angepasst hat. Das Fehlen von eigenständigen, gestalterischen Elementen, der Mangel an originär zu bezeichnender Innovation ist nachgerade typisch für die sesshafte Bevölkerung in Nordtirol, verweist aber andererseits auf die aus diesem Mangel bedingte Notwendigkeit einer generellen und strukturellen Anpassung an transistale Einflüsse, die noch heute Hand in Hand mit einer nahezu naiv und teilweise zwanghaft anmutenden Bewahrung vermeintlicher Traditionen und Wertevorstellungen einhergeht.
Im gesamten Grabungsgebiet wurden keinerlei Hinweise auf gewaltsame Okkupationen im besagten Zeitraum festgestellt. Die Fundstücke an dieser schluchtartigen Engstelle bei Hopfgarten belegen somit eine infrastrukturelle Dienstleistungskompetenz, die sich im Bewahren und Instandhalten der entsprechenden Wegtrassierung und den damit verbundenen Möglichkeiten des Handelns und Beherbergens dauerhaft manifestiert hat. Somit steht einmal mehr nicht der herrschende sondern der dienende Charakter insgesamt im Vordergrund, der mit eine Voraussetzung für eine unterwürfige Akzeptanz transistaler Beeinflussungen darstellt.
Die spärlichen Funde von metallenen Gebrauchsgegenständen beschränken sich auf einfache Werkzeuge du Haushaltsgegenstände ohne irgendeinen originären Gestaltungsansatz. Während bei den keramoiden Funden die transistalen Einflüsse zu einer technischen und formalen artefiziellen Weiterentwicklung führten, fehlt ein derartiger Ansatz bei den Werkzeugen und Haushaltshilfsmitteln zur Gänze. Dies indiziert sehr klar, dass vorab lediglich die politischen und geistigen Eliten dieses Siedlungsgebietes einerseits die positiven Wertigkeiten von sogenannten „fremden“ Beeinflussungen erkannt haben und andererseits die sich daraus ergebenden Vorteile bewusst zur Absicherung ihres Status und zur Abgrenzung gegenüber der restlichen Wohnbevölkerung eingesetzt haben.
Noch deutlicher zeigt sich diese Trennung in Herrschende und Beherrschte in der Ausführung der Kultnische und des Triptychons aus drei metallenen Cult-Objecten: hier tritt in aller Deutlichkeit der Unterschied zwischen admirativer Huldigung durch die beherrschte Bevölkerungsschicht und zielgerichteter kutlischer Aktivität durch die religiöse Elite zu Tage. In der Bearbeitung und Gestaltung des metallenen Triptychons spiegelt sich sowohl vom Aufwand (Metallgewinnung, Metallbearbeitung), als auch in der artefiziellen Umsetzung die gesellschaftliche Struktur wider. Während das Gros der sesshaften Bevölkerung seinen Lebensunterhalt mit landwirtschaftlichen und einfachen gewerblichen Tätigkeiten fristete, widmeten sich die kultischen und, in eingeschränktem Mass wohl auch die politischen Eliten, der Gestaltung des soziokulturellen Umfelds und der Bewahrung der gesellschaftlichen Klassenstruktur unter Ausnutzung tradierter Sitten und Gebräuche, sowie durch die damit verbundenen Interpretationshoheit der jeweils entsprechend adaptierbaren kultischen Vorschriften. Die dabei symbolistisch eingesetzten Cult-Objecte betonen einerseits in ihrer Darstellung als Triptychon die gewollte Dreiteilung der Gemeinschaft in kultische Führung (zentraler Mittelpunkt), in politische Leitung und in angeleitetes und geführtes Fussvolk und andererseits manifestieren sie mit dieser gemeinschaftlichen Zur-Schau-Stellung eine in sich geschlossene Einheit, die zum einen unhinterfragbar bleibt und zum anderen als logische Konsequenz die Unterordnung und Unterwürfigkeit des Fussvolkes einfordert.
Diese kritiklose Akzeptanz einer hierarchischen Struktur entsprach und entspricht derartig dem Wesen der nordtirolerischen Bevölkerung, sodass sie sich auch heute noch weitestgehend wie selbstverständlich im politischen Alltagsleben in nahezu allen Bereichen wiederfindet.
Es handelt sich somit um kein lokales und der Zeit entsprechendes Charakteristikum, sondern, gerade auch im Kontext mit den bisherigen Untersuchungsergebnissen sämtlicher arteologischer Funde im Raum Nordtirol, um ein wesenimanentes Daseinsparadoxon, welches nachweislich bis in die Gegenwart wirkt.
- Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Brixental“:
Die Petromumifikation der linken, maskulinen Hand stellt ein bisher im gesamten Alpenraum in dieser Art und Weise nicht vorgefundenes Spezifikum dar. Sowohl die im Keramikbrandverfahren hergestellte Mumifikation, als auch die streng geometrisch ausgeformte Quaderbildung des umgebenden Brandblocks aus einem Ton-Lehm-Gemisch schliessen einen rein zufälligen und ungewollten Konservierungsvorgang aus. Die Untersuchungen und Analysen dieser linken, maskulinen Hand sind durch diese Petromumifizierung allerdings auf rein materialchemische und physikalische Techniken beschränkt, da keinerlei verwertbare organische Spuren dieses humanoiden Fundes vorfindbar sind. Die zweifelsfreie Zuordnung zu einem tatsächlich und ursächlich vorhandenem menschlichen Organismus erfolgte somit ausschliesslich anhand anatomischer Kriterien, wobei die perfekte Erhaltung der insgesamten Oberflächenstruktur dieser Hand, im Verein mit den chemischen Analysen des petromumifizierten Gewebematerials eindeutig und unzweifelhaft die Aussagen von Frau Dr. Marga Sudanavesi und ihrem Team belegt. Durch die Polyglacialisierung, welche erstmalig vor Ort von Mag. Peter Stolz durchgeführt wurde,
können und konnten zahlreiche Proben für interdisziplinäre und weiterführende Beforschungen den verschiedensten universitären Einrichtungen weltweit zur Verfügung gestellt werden. Die bisher daraus erzielten Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Es handelt sich bei diesem humanoiden Fund des „Brixi“ (so sein populärwissenschaftlicher Name, der mittlerweile auch in wissenschaftlichen Kreisen einschlägig zur Verwendung kommt) um eine linke maskuline Hand, welche post mortem von einer verstorbenen männlichen Person amputativ noch vor der Einsetzen der Leichenstarre abgetrennt wurde.
- Aufgrund ihrer Beschaffenheit und der anatomischen Merkmale ist diese Hand eindeutig dem indogermanischen Typus zuordenbar.
- Die gesamte Oberfläche dieser linken, maskulinen Hand weist keinerlei erkennbare Verwundungen oder Verletzungen auf. Vielmehr wirkt die Hand als Ganzes feingliedrig und äusserst gepflegt. Dies zeigt sich deutlich an den Nagelbetten und Fingernägeln, die weder handarbeitstypische Beeinträchtigungen oder gar Gebrauchsverformungen durch jahrelange manipulative Tätigkeiten (wie etwa durch dauerhaften Gebrauch von Werkzeugen verschuldet) vorweisen, noch qualitative Veränderungen an der Oberhaut, wie sie durch Kontakt mit ätzenden oder sengenden Materialien entstehen.
- Die röntgenologischen Untersuchungen erbrachten keinerlei Auffälligkeiten im Bereich des Knochengerüsts; so sind weder Bruchstellen noch arthritische Veränderungen im Bereich der Fingergelenke ersichtlich.
- Es ist somit davon auszugehen, dass es sich bei dieser linken, maskulinen Hand um die Extremität eines Mannes aus der kultischen Elite dieses lokalen Siedlungsbereichs handelt. Diese Annahme wird auch durch erfolgte Petromumifizierung gestützt, da vergleichbare humanoide Funde bei sämtlichen arteologischen Expeditionen im Raum Nordtirol samt und sonders dem kultischen Leitungspersonal vorbehalten schienen. Obwohl die politischen Eliten zwar im Bereich der kultischen Verwaltung administrativ mit partizipierten – was auch dem Erhalt der hierarchischen Gesellschaftsstruktur mit geschuldet war – blieb ihnen dennoch die kultische Letztverantwortlichkeit generell verwehrt. Körperliche Arbeit war einzig jenen Bevölkerungsteilen vorbehalten, die nicht zur kultischen Elite und späterhin wohl auch der politischen Eliten zählten. Erst mit dem Aufkommen der christlichen Klöster hielt auch in diesem Bereich ein teilweises Umdenken im Bezug auf die Wertigkeit von säkularer Arbeit Einzug.
- Inwieweit es sich originär bei der ursprünglichen Person dieser linken, maskulinen Hand um eine Person aus den eingeborenen Bevölkerungskreisen handelt, oder aber um einen Zugehörigen einer von auswärts stammenden oder abstammenden Person, kann zur Zeit nicht beantwortet werden.