Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 3
Das gesamte Zillertal hat sich seit den 1950er Jahren in eine massentourismustaugliche Region verwandelt, die nun aber auch zunehmend versucht vom Image des Billigtourismus wegzukommen und vermehrt auf hochqualitative Angebote setzt. Dies schlägt sich in sehr deutlicher Weise in der überwiegend sehr gut ausgebauten Infrastruktur und einem ständig steigenden Prozentsatz von diversen Freizeitangeboten jenseits der Skitouristik nieder. So hat nicht nur die kulinarische Vielfalt und Qualität in den letzten Jahren den Anschluss an den mitteleuropäischen, gehobenen Durchschnitt gefunden, sondern auch die Güte der Unterbringungs- und Beherbergungsbetriebe insgesamt.
Hotels der gehobenen Klasse sind in beinahe jedem Ort zu finden, ebenso öffentliche und halböffentliche Einrichtungen wie Sommerrodelbahnen, Hallenbäder, Klettersteige, lokale Museen und kulturelle Einrichtungen wie Konzerthallen, Kongresszentren und Musikpavillons.
Der land- und forstwirtschaftliche Sektor, sowie die mittelständigen Handwerks- und Industriebetriebe sind grösstenteils zumindest im Nebenerwerb mit der Vermietung von Zimmern und Appartements wirtschaftlich verbunden und das alltägliche Leben der eingeborenen Bevölkerung hat sich ohne nennenswerten Widerstand vollkommen in diese groteske Symbiose integriert.
Dies erscheint bei näherer Betrachtung als vollkommen schlüssig, da noch vor einem Jahrhundert das gesamte Zillertal zu einer der ärmsten Regionen von Nordtirol zählte, insbesondere in seinen Seitentälern und den abgelegenen Gebieten der Bergbauernhöfe. Mit dem einsetzen des Tourismus erlangte die ansässige Bevölkerung einen bescheidenen Wohlstand, der innert kürzester Zeit zu einer gänzlichen Neugestaltung des wirtschaftlichen und soziokulturellen Alltags führte, der sich in aller Deutlichkeit in der vollständigen Unterordnung aller traditionellen Gebräuche und Lebensformen manifestiert. Dies offenbart sich einerseits in einer teilweise peinlich anmutenden Anbiederung an sämtliche modischen Erscheinungen des Zeitgeistes, wie etwa öffentlichen Trinkgelagen für spezifische Kundengruppen, oder den burlesk wirkenden, rein touristisch vermarkteten Festen mit einheimischer Tracht, einheimischen Gebräuchen und ursprünglich wohl originären, traditionell geprägten Zusammenkünften. Andererseits führt diese ausschliessliche Ausrichtung auf merkantile Umsetzbarkeit zu einer schleichenden Pervertierung der eigenen Identitätskriterien, die sich besonders am Sektor der Unterhaltung als billiger und massentauglicher Ausverkauf der eigenen Traditionen niederschlägt und gleichwohl mittlerweile den Status einer gewollten Selbstverständlichkeit beansprucht.
Bedingt durch die touristisch perfekt vermarkteten Sommer- und Wintersaisonen, gilt das Zillertal mittlerweile als eine der fremdenverkehrstechnisch umsatzstärksten Regionen Nordtirols. So hat die Wintersaison 2011/2012 mit über sieben Millionen Nächtigungen einen neuen Rekord erbracht, und dies bei nur 25 Gemeinden mit einer Gesamtbevölkerungszahl von ca. 35.000 Einwohnern.
Eine hohe Zahl von Hotels und Beherbergungsbetrieben gilt als überschuldet und ist dennoch gleichzeitig gezwungen durch jährliche Investitionen und den Ausbau der touristischen Angebote den Anschluss an die direkte, oft in der Nachbarschaft befindliche Konkurrenz nicht zu verlieren. Dieser permanente und bereits seit mehreren Jahrzehnten andauernde wirtschaftliche Druck zeigt sich nicht zuletzt im Verhalten der eingeborenen Bevölkerung, und findet seinen offenkundigsten Ausdruck in einer, gegenüber dem Rest der nordtiroler Bevölkerung, noch zusätzlich erhöhten, streng nach merkantilen Kriterien geprägtem Dienstleistungsverständnis.