Zillertal, Juni - Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 7

Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 7

Die Seitentäler des Zillertales wurden erst im Laufe des 20. Jahrhunderts – und hier wieder besonders ab den 50er Jahren mit dem Erstarken des Fremdenverkehrs wintersicher erschlossen. Insbesondere das 10 km lange Tuxertal war vom Zillertal aus bis dahin nur sehr schwer erreichbar, bzw. im Winter oft über Wochen oder gar Monate vom Zillertal her unpassierbar. berit-mrugalska-friedhof-mauern-schmirn, arteologie, dr. arkadaschIn Folge orientierte sich verwaltungstechnisch – was im überwiegenden Ausmass personenstandsrechtlich gleichbedeutend mit kirchenrechtlichen Agenden übereinstimmend in Ausübung und Administration war – die Weilergruppe Tux (bestehend aus den Ortsteilen Vorderlanersbach, Lanersbach, Juns, Madseit und Hintertux) an der Wipptaler Gemeinde Schmirn, da über das Tuxerjoch dieses Seitental des Wipptales in der Vergangenheit leichter erreichbar war, als das Zillertal als solches. Die Verstorbenen etwa wurden deshalb im Friedhof Mauern im Wipptal begraben und über einen sogenannten „Totenweg“ dorthin verbracht. Dieser Transport war im Winter meist unmöglich und so wurden die Verstorbenen in Tux über die Wintermonate in einem „Totenkasten“ (meist am Dachboden des Hauses) aufbewahrt und erst im kommenden Frühjahr zur Beerdigung nach Mauern gebracht.

Dieses Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll wie bis vor wenigen Jahrzehnten übernommene Traditionen und klimatisch sowie infrastrukturell bedingte Faktoren das Alltagsleben der Eingeborenen in den höher gelegenen alpinen Bereichen bestimmten. Die vergleichsweise rasante Entwicklung hin zu einem modernen soziokulturellen Gefüge weist daher – nicht nur im Zillertal sondern in allen Bereichen des Siedlungsraumes Nordtirol – die typischen Brüche und Verwerfungen auf, wie sie speziell auch in den sogenannten 3. Welt-Ländern des angehenden 21. Jahrhunderts zu finden sind: Generationskonflikte, Abwanderung, Strukturwandel weg von der Eigenversorgung hin zu diversen, meist nieder bezahlten Dienstleistungstätigkeiten, Traditionsverfall, Alkohol- und Drogenprobleme und Prostitution.

So gilt etwa das Zillertal neben der Landeshauptstadt Innsbruck als der bedeutendste Drogenumschlagplatz von Nordtirol, wobei hier aber sicherlich der Einfluss des Fremdenverkehrs – den kritische Einheimische bereits als überbordend charakterisieren – einen wesentlichen Beitrag leistet. Der Alkoholmissbrauch ist in ganz Nordtirol weit verbreitet und nicht selten müssen mittlerweile selbst Jugendliche beiderlei Geschlechts vermehrt in den Krankenhäusern wegen Alkoholmissbrauch behandel werden. Während der Genuss von Nikotin – einem weltweiten Trend folgend – auch gesellschaftlich zunehmend verpönt scheint, ist eine derartige Bewusstseinsbildung im Bezug auf Alkohol nicht feststellbar. Noch immer ist es üblich – wie das Expeditionsteam selbst immer wieder feststellen konnte – bei der Begrüssung starken Branntwein offeriert zu bekommen und es gilt gemeinhin als unhöflich ein derartiges „Schnapserl“ abzulehnen. Traditionsvereine wie Blasmusikkapellen und Schützen werden dabei von jungen Frauen und Mädchen in Tracht unterstützt, deren einzige Aufgabe darin besteht aus einem umgehängten hölzernen Panzen an die Zuschauer und Gäste gegen Entgelt hochprozentigen Alkohol auszuschenken.

Die Frage, inwieweit derartige „Bräuche“ tatsächlich traditionellen Ursprungs sind, kann zurzeit aus arteologischer Sicht nicht beantwortet werden.