Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 8
Kritische Stimmen unter der einheimischen Bevölkerung sprechen hier von einer touristischen Totalvermarktung aller Traditionen und der Heimat im Sinne einer vollkommenen Unterwerfung sämtlicher Lebensbereiche unter die Prämissen des Fremdenverkehrs. Dieses Primat ist auch tatsächlich als alltagsbestimmendes Element in allen Begegnungen mit Einheimischen bemerkbar: So wird etwa die verbale Ausdrucksweise sofort auf das jeweilige Gegenüber rollenspielartig eingestellt – entweder wird dann dabei eine milde Form des Schriftdeutschen mit starken dialektalen Einsprengseln verwendet um die indigene Authentizität des Sprechenden zu betonen, oder aber es wird versucht ein den merkantilen Erfordernissen entsprechendes „Businessdeutsch“ zu sprechen um den jeweiligen Geschäfts- und Gesprächspartnern die eigene Seriosität und wirtschaftliche Kompetenz zu vermitteln. Dabei wird der Zillertaler Bevölkerung schon seit Generationen zumindest ein partielles Naheverhältnis zum Geld nachgesagt, wobei hier anzumerken ist, dass durch die lange Zeit infrastrukturell sehr exponierte Lage dieses Tales viele Nichtbesitzende- und somit alle außer den männlichen Erstgeborenen, welche die bäuerliche Liegenschaft im Erbweg zuerkannt hielten – grosse Teile der jungen, männlichen Bevölkerung gezwungen waren entweder als Knechte oder Tagelöhner sich zu verdingen, oder aber ausserhalb des Tales nach Arbeit zu suchen.
Als fahrende Sänger und Händler brachten es dabei einige Personen in den vergangenen Jahrhunderten teilweise sogar zu überregionaler Bekanntheit.
Es ist somit einerseits der Kargheit des bäuerlich, alpinen Lebens und andererseits den sich historisch betrachtet innert einer Generation beinahe für jedermann eröffnenden Chancen aus dem sich im Eiltempo entwickelnden Fremdenverkehr zuzuschreiben, dass sich rein geldwirtschaftlich betrachtet nur sehr schwer ein gelassener Umgang mit monetären Möglichkeiten in einem sozial verträglichen Ausmass entwickeln konnte. Dies spiegelt sich sehr deutlich in verschiedenen umgangssprachlichen Redewendungen wider, die im Unterinntal über die merkantilen Gepflogenheiten der Zillertaler als Bonmot kursieren: „Für einen Cent (Eurocent) lässt sich ein Zillertaler seinen Nabel (Bauchnabel) herausschneiden!“, oder „Für einen Cent (Eurocent) verkauft ein Zillertaler seine Grossmutter!“.
Mag auch diese Charakterisierung äusserst überspitzt ausgefallen sein, so zeigt sie auf ihre Weise doch sehr deutlich wie nachhaltig und gravierend die wirtschaftlichen Veränderungen der letzten 60 Jahre sich auf das soziokulturelle Gefüge der indigenen Bevölkerung des Zillertales ausgewirkt haben, wobei anzumerken ist, dass diese Befundungen in verschiedenen Bereichen auf nahezu alle touristischen Zentren Nordtirols zutreffen und in teilweise abgeschwächter Form generell das Zusammenleben im Nordtirol von Heute prägen.
Beispielgebend sei hier noch einmal auf die in dieser Weise bisher unbekannte Vermarktungsstrategie verwiesen, wie sie bereits bei Ankunft er Erkundungsexpedition im Jahre 2011 vertraglich mit Mag. Eberharter vereinbart wurde. Wie sich im weiteren Verlauf zeigte, war dies erst der Anfang einer bis ins Detail ausgeklügelten Werbestrategie, die den Zillertaler Tourismusverbänden einen bleibenden und dauerhaften Mehrwert aus der arteologischen Beforschung dieser Talschaft generieren sollte.