Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 10
Die Schwierigkeiten von derartigen Erkundungen vor Ort in einem relativ stark besiedelten alpinen Gebiet mit überwiegenden Habitatsbereichen unterhalb der Baumgrenze zeigen sich bereits beim Studium der topografischen Karten, ab einem Massstab von 1:40000 sehr deutlich. Der Raum Nordtirol gehört zur Gänze zu den Ostalpen und weist insgesamt jene geologischen Erscheinungsformen auf, die für diesen Bereich als typisch anzusehen sind. Die Alpen sind aus geologischer Sicht ein junges Gebirge, dessen geologische Auffaltung vor etwa 135 Millionen Jahren begann (Übergang Jura– zur Kreidezeit), als ein mehrstufiger Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist und in abgemilderter Form anhält. Die letzte bedeutende Phase der Auffaltung erfolgte vor etwa 30 bis 35 Millionen Jahren im Tertiär.
Die Alpen gehören aus plattentektonischer Sicht zu den jungen Deckengebirgen der alpidischen Gebirgsbildung zu denen neben dem Kaukasus auch der Himalaya gezählt wird. Gleichzeitig zur immer noch andauernden Gebirgsbildung der Alpen – die im Wesentlichen auf die Kontinentalplattenverschiebung zurückzuführen ist (Verschiebung um die 5 cm/Jahr) – wirkten mit der Auffaltung zugleich auch die verschiedenen Kräfte der Erosion auf diese Gebirgsbildung mit ein. Für den Alpenbereich in Europa sind hier besonders die niederschlagsreichen Bereiche, die dem atlantischen Einfluss unterliegen, zu nennen, da erst ab dem Wiener Becken kontinentales Klima herrscht. Einhergehend mit den erosiven Kräften des Niederschlags in Form von Regen und Schnee sind zudem die relativ starken und häufigen Winde als formgebende Gestaltungskraft der Gebirge, sowie die starken, lokal aber unterschiedlich auftretenden Erscheinungen von glazialen Frösten und Tauwetterperioden konträr zur Auffaltung wirkende Kräfte zu nennen. Daraus ergibt sich auch der generelle Höhenunterschied zum Himalayagebirge, da dieser Gebirgszug wesentlich geringeren erosiven Kräften aufgrund seiner innerkontinentalen Lage ausgesetzt ist.
Für den Nordtiroler Raum und auch für den Bereich des Zillertales sind somit die starken und aus geologischer Sicht häufigen erosiven Geländeveränderungen typisch und prägen in ihrer Vielfalt die kleinstrukturierten geologischen Erscheinungsbilder die für den Alpenraum typisch sind: schroffe Berge aus sedimentgebildeten Kalksteingebirgen mit starker Schotterhaldenbildung und klimatisch bedingtem Felsbruch, sowie regelmässig auftretende Geländeveränderungen entlang der Gebirgswasserläufe infolge der massiven Geschiebequantitäten, die immer wieder zu grossflächigen Vermurungen, Überschwemmungen und Erdrutschen führen.
Diese Geländeveränderungen unterliegen in der vegetativen Zone durch nachfolgende natürliche Bewaldung einer floralen Assimilation die erst durch das Eingreifen des Menschen dem heutigen Erscheinungsbild der jeweiligen Landschaften entsprechen. Gleichwohl bleiben vor allem in den agrikulturell genutzten Bereichen die Grundformen von Bestand, unterliegen aber durch die Nutzung als Weide- und Ackerland, oder aber im Zuge einer forstwirtschaftlichen Verwendung einer zusätzlichen artifiziellen Veränderung.
Wie weit diese an der Oberfläche klar ersichtlichen Veränderungen (Wege, Strassen, Rodungen, Holzeinschlag, Verbauungen, Siedlungsgebiete etc.) das Gesamtbild beeinflussen und somit eine arteologische Geländeanalyse erschweren, wird aus den Erkundungsunterlagen der Expedition von 2011 deutlich und zeigt zugleich wie wichtig derartige Untersuchungen für weitergehende Zielsetzungen und Beforschungen sind.