Zillertal, Juni - Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 13

Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 13

Eine Miteinbeziehung der lokalen Überlieferungen (Märchen, Sagen, Mythen etc.) in die theoretische Analyse eines Grabungsgebietes gilt seit Heinrich Schliemann, der in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts als einer der ersten die Überlieferungen als archäologisch nutzbringende Wegweiser betrachtete, als basale Grundlagenarbeit, die es in weiterer Folge oftmals schon vorab ermöglicht verschiedene Ansätze als zielführend oder aber als Irrtum zu erkennen. Je eingehender eine diesbezügliche Erfassung und Auswertung der lokalen Überlieferungen erfolgt, umso genauer und strukturierter kann dann in der weiteren Abfolge einer Expeditionsplanung darauf aufgebaut werden. Dabei ist es von großem Vorteil direkt vor Ort mit allteingesessenen Vertretern und Vertreterinnen der indigenen Bevölkerung Kontakt aufzunehmen, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie in einem persönlichen Rahmen zu ermutigen nicht nur die lokalen Mythen und Sagen zu erzählen, sondern auch über ihre jeweiligen Biografien zu sprechen, da sich daraus oftmals indirekte Hinweise auf historische Besiedelungsabläufe, aber auch beispielsweise Naturkatastrophen ergeben, die zwar nicht in den Geschichtsschreibungen realiter erfasst wurden, sich aber dennoch in der Meme der Überlieferungen im kollektiven Unbewussten einspeicherten. So stellen etwa Fabeln über Riesen oder andere Wesen mit übernatürlichen Kräften die steinewerfend hausgroße Findlinge in urbar gemachtes Gelände schleuderten (vgl. auch den steineschleudernden Polyphem in der Odysssee), einen deutlichen Hinweis dar, dass in diesem Gelände durch einen Bergrutsch, eine Vermurung, eine Überschwemmung oder ein Erdbeben einschneidende topografische Veränderungen stattgefunden haben, denen sich die eingeborene Bevölkerung zu jenen Zeiten schutzlos ausgeliefert fühlte.

Im Bereich der ausgewiesenen Grabungsstelle am Zillerufer im Ortsteil Imming konnte mittels einer Sondierungsgrabung die im Vorfeld getroffene Annahme bestätigt werden, dass sich das Flussbett des Zillers in diesem Geländeabschnitt ursprünglich mäandernd in mehreren starken Windungen entlang der unbesiedelten Talmitte immer wieder veränderte. Sämtliche Besiedlungen dieses Talabschnitts erfolgten an den aufsteigenden Hangrändern, um so den Starkwassern der Schneeschmelze und den Starkregen des Sommers besiedelungstechnisch weitestmöglich zu entgehen. Erst mit den Verbauungen des Zillers im 20. Jahrhundert wurde der Talboden zunehmend für häusliche, gewerbliche und infrastrukturelle Baumassnahmen freigegeben.

So breitet sich das Dorf Bruck – zu dem auch der Ortsteil Imming und verstreute Höfe am Bruckerberg verwaltungstechnisch gehören – in Form eines Strassendorfs auf einer niedrigen Terasse östlich des Zillers aus. Über den 1111 m hohen Kerschbaumersattel besteht eine Verbindung in das östlich gelegene Alpachtal, die heute als befahrbare Strasse ausgebaut ist. Bereits zur Zeit der Römer bestand mit hoher Wahrscheinlichkeit ein wichtiger Strassenübergang im Bereich des Inntals über den Ziller, der gleichzeitig die Grenze zwischen den römischen Provinzen Raetia im Westen und Noricum im Osten bildete. Als „Villa Prukke“ wurde das Dorf Bruck im Jahr 1187 erstmalig urkundlich erwähnt. Der Name deutet auf das Bestehen einer festen Brücke über den Ziller hin. Der Ortsteil Imming wird erstmalig nachweisbar im Jahr 976 als „Himinga“ erwähnt und weist auf eine transitale bajuwarische Besiedelung hin.

Mit dem Aufkommen des „Schwazer Silbersegens“ im 15. Jahrhundert wurde auch am östlich von Bruck liegenden reither-kogel, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologieReitherkogel nach Silber und Kupfer geschürft. Beim Bergbau in Schwaz wurden auch bronzezeitliche bergbauliche Spuren festgestellt, sodass als sicher anzunehmen ist, dass in dieser Region bereits in der Spätsteinzeit montanistische Tätigkeiten stattgefunden haben.