Zillertal, Juni - Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 16

Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 16

Die eigentliche Grabungstätigkeit am ausgewiesenen Grabungsgebiet beidseitig des Zillers startete somit am 16. Juli 2012, nachdem am Vortag noch die Überbleibsel der Festveranstaltung aufgeräumt und abtransportiert worden waren. Zudem benötigten offensichtlich zahlreiche Personen der eingeborenen Hilfskräfte diesen Tag zur Erholung ihrer physischen Konsistenz, da auch dieses Fest den landesüblichen und soziokulturellen Traditionen entsprechend zu später Stunde in einer Bacchante endete, die ihrem Ritus nach mit einem Betrinken zu tranceähnliche Zuständen gemeinschaftlich von männlichen Teilnehmern aller Altersstufen zelebriert wurde. In dieser Zeitspanne der exzessiven Hingabe an den Alkohol scheinen sämtliche Standesunterschiede aufgehoben, wobei jedoch augenfällig bleibt, dass die elitären Kreise aus Politik und Administration sich bereits durch ihre Sitzordnung zu Beginn solcher Festivitäten vom gewöhnlichen Volk abgrenzen um späterhin, noch vor dem fliessenden Übergang zum orgienhaften Teil des Festes, meist als geschlossener Pulk und unter kräftigem Applaus sämtlich anwesender Gäste das Festgelände zu verlassen und eventuell andernorts, unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihren jeweiligen Neigungen nachzugehen. Auf diese Weise erzeugt zwar der ungehemmte Konsum von alkoholischen Getränken mit ritualisierten Trinkgebräuchen ein scheinbar ubiquitäres Zusammengehörigkeitsgefühl, untermauert jedoch gleichzeitig mittels ungeschriebenen Gesetzmässigkeiten die streng patriarchale und hierarchische Struktur der Gemeinschaft, indem mittels codicierten Verhaltensmustern eine in sich geschlossene Struktur manifest wird, die weitgeheng unhinterfragt und kritiklos als autochtoner Ausdruck des eigenen Selbsterlebens gewertet und praktiziert werden.

tradiertes-voklsfest-zillertal, foto: barbara niederwanger, zillertal 2012, dr. arkadasch, arteologieDiese Art von gemeinschaftsbildenden Trinkritualen sind nicht nur für das Zillertal oder den Tiroler Raum typisch, sondern sie prägen den gesamten Nordalpenraum, wobei es in der Ausführung und Auslebung der bacchantischen Trancestufen lediglich lokale Unterschiede im zeremoniellen Ablauf sowie der Kostümierung der Beteiligten Personen gibt. Freilich haben auch die merkantilen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte auch vor diesen, ursprünglich wohl aus religiösen Motiven erwachsenen Ritualen, nicht Halt gemacht, sondern diese Rituale vielmehr in rein kommerzielle Evente verwandelt, bei denen heutzutage an eigens dafür geschaffenen Trinkplätzen sowohl Männer als auch Frauen, aber auch Touristen aus aller Welt gegen Entgelt teilhaben dürfen. Die dazu adaptierten oder gar neu erfundenen Inszenierungen bedienen sich dabei oftmals nahezu schamlos an den Ritualen tradierter Abläufe und verformen diese dabei rücksichtslos und sinnentleert zu reinen merkantilen Unterhaltungsgeschehnissen, deren einziger Zweck darin zu bestehen scheint, die teilnehmenden Personen mit grossen Mengen von Alkoholika fragwürdiger Herkunft „abzufüllen“ und ihnen gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln gegen ein überteuertes Entgelt an einem originären und traditionellem Volksfest teilgenommen zu haben.

Im Zillertal ist hier wohl das sogenannte „Gauderfest“ als typischstes und grösstes Vorkommnis dieser Art zu beurteilen: dazu kleiden sich nahezu sämtliche einheimische Personen in Tracht, wobei die überwiegende Menge der Besucherinnen und Besucher dabei eine von den Traditionen vollständig losgelöste Art von Bekleidung trägt, die lediglich durch die Schnittgestaltung als auch die Farbgebung noch im weitesten an überlieferte Trachten am Rand erinnert. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit letzten Überbleibseln tradierter Rituale, wie etwa dem „Ranggeln“, einer Form des männlichen Ringens, oder dem Vorführen von männlichen Zuchtschafen, die losgelöst aus ihrer ursprünglichen Bedeutung kaum mehr den seinerzeitigen Fruchtbarkeitsritualen entsprechen.

Neben einer rummelplatzartigen Aufbereitung des Festgeländes wird versucht durch den Aufmarsch von Musikkapellen und Vereinen, sowie einer als humoristisch geltenden Ansprache eines faunartigen Redners eine Art von lokalspezifischer Authentizität zu vermitteln, die gleichwohl im Vergleich mit anderen, ähnlich organisierten und Ablaufenden Festveranstaltungen in kulturanthropologischer Hinsicht jeden eigenständigen Bestandsanspruch vermissen lassen.

Als weltweit grösstes „Fest“ dieser Art gilt das bekannte „Münchner Oktoberfest“ in München, welches jährlich im September stattfindet und von seiner Zielsetzung her durchaus vergleichbar ist mit dem beschriebenen „Gauderfest“ in Zell am Ziller.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass mit zunehmender Prosperität und einer transitalen Beeinflussung durch den Tourismus und den weltweiten Handel, der Ge- und oftmals auch Missbrauch von Alkoholika ausserhalb der ursprünglich streng reglementierten kultischen Rituale im Alpenbereich weit eher zu einer intrinsischen Entfremdung im soziokulturellen Selbstverständnis führt, denn zu einer der Zeit entsprechenden Neuinterpretation und Adaption von alters her überkommenen Ritualen.