Zillertal, Juni – Oktober 2012, Ausgrabungsprotokoll 21/4
Auch die gestalterische Ausführung der drei Cult-objecte dieses Triptychons unterscheidet sich in seiner optischen Präsenz und Formensprache deutlich von den bisherigen Funden von Cult-objecten im Raum Nordtirol. Allerdings ist augenscheinlich, dass eine Gesamtbetrachtung aller bisherigen Fundungen von Cult–objecten eine offensichtliche formale Weiterentwicklung darstellt, die sich einerseits in der gewählten Formgebung und andererseits im ästhetischen Ausdruck zeigt. Die dieser Entwicklung innewohnende Grundtendenz beschreibt einen Werdegang, der von der ursprünglichen Unität aus lebensalltäglicher Verwendbarkeit und kultischer Bedeutung, zu einer immer stärkeren Symbolistik mutiert, die letztendlich in einer reinen, aus sich heraus präsentablen Gestaltungsform besteht, deren Sinnhaftigkeit und Aussagekraft einzig im Interpretationsbereich des Kultischen liegt.
Während die ältesten Fundungen von Cult–objecten im Raum Nordtirol eine klar erkennbare Symbiose aus handwerklicher Nutzung und kultischer Verwendung aufweisen (vgl. die Gestaltung der Cult–objecte der Ausgrabungen im Inntal und Wipptal), so zeigt die sukzessive Weiterentwicklung dieser Cult–objecte eine schrittweise Abkehr von gebrauchstauglicher Verwendbarkeit und wirtschaftlicher Nutzungsmöglichkeit hin zu einer rein ornamentalen und aus der Alltäglichkeit herausgehobenen Formensprache, die letztendlich einzig dazu dient, im Kontext einer spirituellen Überhöhung den rituellen Traditionen und Intentionen eine objektbezogene Identifikationsmöglichkeit zu bieten.
Diese „Immanenz des Ritualen“, wie es Albert de Villa Marsone in seiner Studie „Die Symbolistik als rituelles Fundament der soziostrukturellen Dynamik“ (Theologische Blätter, No. 7, 1986, Universität Göttingen) beschreibt, entwickelt sich parallel zur gruppenspezifischen Gemeinentwicklung und dient einerseits der Festigung der normativen Identifikation innerhalb der Gruppe, andererseits aber auch der klaren und unmissverständlichen Abgrenzung nach aussen. Je erfolgreicher diese Entwicklung der eigenen Gruppe zu einer wirtschaftlichen und zwischenmenschlich funktionablen Einheit verläuft, umso stärker wird im weiteren Verlauf die Beeinflussung durch transitale und insistale Faktoren verlaufen. Sei es nun durch Handel, gewaltbedingter Okkupation oder lediglich durch weitestgehend nachbarschaftlich bedingte Kontakte – es erfolgt entweder eine oktroyierte oder assimilative Übernahme von kultischen Normen – mögen diese nun auf Grund des als überlegen akzeptierten Erfolges implementiert oder aber von den herrschenden Eliten verordnet sein. Die damit verbundene Verbreitung von Kulten bildet in weiterer Folge eine dogmatische Struktur die sich jedoch spezifisch in ihren Ausformungen an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten anpasst. So ist etwa noch heute die Gestaltung von christlichen Prozessionen in den einzelnen Ortschaften Tirols den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst und drückt sich beispielsweise in einer strengen Hierarchie der Marschfolge der Traditionsvereine und deren jeweiligen spezifischen Aufgaben im Rahmen dieser kultischen Handlung aus.
Mit der Christianisierung des Alpenraums erfolgte sukzessive eine Übernahme bisheriger Symboliken, die sich in theologisch zumindest teilweise umstrittenen Praktiken bis heute in Teilen Nordtirols erhalten hat. So werden etwa vorwiegend in ländlichen Bereich
en nach wie vor vorchristliche Bräuche und Riten gepflegt, auch wenn diese meist parallel in ein christliches Umfeld mit eingebettet werden, wie etwa das Schmücken der Rinder beim Verlassen der alpinen Weiden, die sogenannten „Raunächte“ zur Zeit des Weihnachtsfestes, oder der weitverbreitete Tierkult um den „Osterhasen“ und die “Ostereier”.
Durch die Herauslösung des Symbols aus seiner ursprünglichen Bezogenheit zur alltäglichen Lebenswelt einer Gemeinschaft eröffnet sich gleichzeitig ein immer breiter werdender Interpretationsspielraum der kultischen Auslegung und konterkariert damit die ursprüngliche Absicht seiner identifikatorischen Definition. Dies zeigt sich sehr deutlich in den oftmals wechselseitigen Übernahmen von Symbolen und den daraus resultierenden kultischen Handlungen, wie sie etwa im jüdisch-christlichen Bereich oder in der Götterwelt der antiken Griechen und Römer vorzufinden sind.
Gleichwohl bedingt jede Entwicklung hin zu einer symbolhaften Darstellung eine kreative Aneignung und auch handwerkliche Umsetzung von abstrakt zu definierenden Inhalten und normativen Identifikationsmustern, die sich in weiterer Folge in einer intellektuellen Vergedanklichung subsummieren.