Inntal, Juni – August 1982, Ausgrabungsprotokoll 18

Inntal, Juni – August 1982, Ausgrabungsprotokoll 18

Die zahlreichen keramoiden und werkzeughaften sowie werkzeugähnlichen Fund­stücke stellten jede fehlende Sinnhaftigkeit mittlerweile ausser Frage. Auch die finanzielle Situation wurde durch diese Erfolge abgesichert und allen Diskussionen um die Fortführung dieser doch aufwändigen wissenschaftlich – arteologischen Grabungen beendigt. Das Ministerium für Wissenschaft und Forschung in Ankara beglück­wünschte Dr. Arkadasch und sein Team zu den nunmehrigen durchaus sensationellen Ergebnissen innert dieses Grabungszeitraums. Die Wichtigkeit einer positiven, nachhaltigen Öffentlichkeitsarbeit und einer breit angelegten Kommunika­tions­schiene, sowohl im internen als auch externen Bereich muss mittlerweile wohl unwidersprochen als „state oft he art“ betrachtet werden, denn nur so ist eine dauerhafte Fortsetzung von oftmals langwierigen und auch ergebnis­offenen wissenschaftlichen Prozessen möglich. Und – auch dies ist in einem derartigen Zusammenhang in redlicher Weise fest zu halten – ohne das notwendige allgemeine Verständnis einer steuerzahlenden Öffentlichkeit und/oder der populär­wissenschaft­lichen Miteinbeziehung der Interessen von privaten Sponsoren lassen sich derart personalintensive, zeit- und materialraubende sowie kostenintensive Expeditionen kaum durchführen. Ein besonderer Dank sei daher an dieser Stelle dem bundesdeutschen Gutenberginstitut für die jahrelange Partnerschaft und die finanzielle Unterstützung ausgesprochen.

Das letzte Drittel des Monats August im Jahre 1982 war von einer konstanten Schönwetterperiode gekennzeichnet, die zum einen die einheimischen Grabungshelfer die anstrengenden und motivationsraubenden Zeitspannen der zahlreichen und heftigen Gewitter vergessen liess und zum anderen, angespornt durch die spektakulären Funde bisher, trotz der spätsommerlichen Insektenplage, zu wirklichen Höchstleistungen in ihren Tätigkeiten antrieb. Mittlerweile hielten sich auch die internen Reibungsverluste innert der Grabungsgruppen in vernünftigen Grenzen, da sich in den Gruppen, angeleitet durch Mitglieder unseres Teams, eine natürliche Hierarchie herausgebildet hatte: die eingeborenen Arbeitskräfte sind es offensichtlich nicht gewohnt eigenverantwortlich und demokratisch als Gruppe an eine Aufgabenstellung heran zu gehen, vielmehr entspricht es ihrer Sozialisierung, dass sie von sich aus zum Geführtwerden tendieren und so aus der Letztverantwortlichkeit entlassen sind. Wir haben daher jede Grabungsgruppe einem Mitglied unseres Teams unterstellt (wobei wir rasch feststellen mussten, dass es die Eingeborenen vorziehen von Männern befehlsartig geleitet zu werden; mit Frauen in Führungspo­sitionen scheinen sich die einheimischen Arbeitskräfte schwer zu tun) und darunter in absteigender Form eine Mannschaftsstruktur erstellt – beginnend mit einem Vorarbeiter bis hin zu reinen Zuarbeitskräften und Schubkarrenfahrern – die es ermöglicht hat die Effizienz der Grabung permanent auf relativ hohem Niveau zu halten.

Am 24. August 1982, circa eine dreiviertel Stunde nach Grabungsbeginn bei Sonnenaufgang vermeldete die Grabungsgruppe drei eine neuerliche Fundung. Die Aufregung der ersten Funde hatte sich mittlerweile gelegt, sodass niemand mehr seine Arbeit stehen liess um einmal mehr ein „paar Keramikscherben“ zu bewundern. Erst als Dr. Arkadasch, der sofort zur Fundstelle geeilt war, in die Grabungsstelle einstieg und die üblichen, verfahrenstechnischen Vorkehrungen und Absicherungen umgesetzt hatte, unwillkürlich innehielt und, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten, ein beinahe ehrfürchtiges „Sensationell!“ verlauten liess, strömten umgehend sämtliche Arbeitskräfte und Teammitglieder heran um neugierig und staunbereit über die Sicherheitsabsperrung in die Grube zu spähen: EIN HUMANOIDER REST! Ein Fingerglied, ein ganzer Finger, mehrere Finger, eine GANZE HAND! Hervorragend erhalten, nicht nur als skelettales Fragment, sondern als im lehmigen Mergel mumifiziertes menschliches relikt! Gespanntes Schweigen breitete sich aus. Dr. Arkadasch beorderte sterile Tücher, sterile Pinsel und Spateln, sowie eine gepolsterte Transportfläche um schnellstmöglich diesen Fund ins Labor verbringen zu können und so vor natürlicher Oxidation und solarer UV-Infiltrierung diesen Fund dauerhaft schützen zu können. Fieberhaft arbeitet Dr. Arkadasch mit der Anthropologin Frau Dr. Marga Sudanavesi an der restlichen Freilegung dieses Unterarms um ihn ohne jede weitere Verzögerung in die Obhut der konservatorischen Experten des Teams zu übergeben.

 

„DER INNTI!“, wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese spontane Namensgebung des Fundes innert der einheimischen Grabungshelfer. Voller Scheu und mit beinahe religiöser Demut wichen alle Arbeiter und Arbeiterinnen zurück, bildeten eine spalierartige Gasse, als es Dr. Arkadasch und Frau Dr. Marga Sudanavesi endgültig gelungen war, den Fund frei zu legen, auf die gepolsterte Transportfläche zu legen, aus dem Graben zu hieven und – gefolgt von einer sich zu einer Prozession formenden Arbeiterschaft – ins Laboratorium des Camps zu verbringen.